
Erlebnis -
Verborgenen Geschichten auf der Spur
47 Sehenswürdigkeiten – das sind 47 Geschichten über mysteriöse Naturereignisse, seltsame Wesen und berühmte Besucher. Mit einem Klick auf die Sehenswürdigkeit gibt sie ihre Geschichte preis.
Hinter einigen Sehenswürdigkeiten verbergen sich zusätzlich zu den Hörgeschichten kurze Videos: die Türöffner. Sie geben Einblicke hinter die Türen, sollten sie einmal verschlossen sein. Die Stationen lassen sich nach Orten filtern oder passend zu Startpunkt und Fahrtrichtung sortieren. So einfach ist die flexible Tourenplanung auf der Hufeisen-Route.


Hasberger Bahnhofsgebäude
Der ehemalige Bahnhof war nicht nur ein wichtiger Umschlagplatz für Kohle und Stahl, auch Hüttenarbeiter und Schüler warteten hier auf die Georgsmarienhütte-Eisenbahn.
Dieses Bahnhofsgebäude ist ein gutes Stück Industriegeschichte. Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein 1856 das hiesige Stahlwerk gründete, stellte man sehr bald fest, dass ohne eine funktionstüchtige Logistik die Produktion vor Ort zum Problem wurde. Eine Eisenbahn musste her. Da nicht absehbar war, dass eine staatliche Trasse direkt bis vor ihre Haustür geführt werden würde, musste die Georgsmarienhütte selbst aktiv werden. Schließlich stand die Gleisanlage der Stahlhütte sogar ein klein wenig früher bereit als das staatliche Großprojekt, das Hamburg mit dem niederländischen Venlo verbinden sollte, denn die Fertigstellung des Tunnels bei Lengerich ließ noch etwas auf sich warten.
Der Hüttenbahnhof in Hasbergen wurde zum Scharnier zwischen staatlicher und Privatbahn. Auf umfangreichen Gleisanlagen im Westen des Bahnhofs übergaben Loks der Staatsbahn voll beladene Erz- oder Kohlewagen an die Loks der GME, der Georgsmarienhütten-Eisenbahn. Im Gegenlauf landeten die mit Stahlprodukten oder Hüttensteinen beladenen Waggons der Stahlhütte im staatl. Güterbahnhof und wurden dort zu Zügen zusammengestellt. Das sorgte für ein lebhaftes Hin und Her. Und noch heute ist es so, dass genau wie vor 150 Jahren über diese Strecke Güterzüge die Rohstoffe für die Hütte anliefern und die fertigen Produkte aus Edelstahl wieder abtransportieren.
Dem zunehmenden Personenverkehr geschuldet, bekam Hasbergen als wichtigster Umschlagsplatz der Privatbahn um 1890 ein eigenes Bahnhofsgebäude. Das Haus ist aus sogenanntem Hüttenstein gebaut, aus Hochofenschlacke, die beim Kochen des Stahls anfiel und die in Form gepresst als Backstein fungierte. Insgesamt sah das Gebäude damals ziemlich genauso aus wie heute. In dem noch erhaltenen kleinen Nebengebäude befand sich früher die Nasszelle mit öffentlichem und privatem Abort sowie eine Waschküche für die Bewohner der Obergeschosswohnung – wenngleich ohne fließend Wasser.
In diesem Bahnhofsgebäude wurde Stückgut abgefertigt und Fahrkarten wurden verkauft. Es gab eine Werkstatt für die Wagenmeister und zwei Wartesäle für die Fahrgäste, von denen derjenige zweiter Klasse praktisch nie benutzt wurde, während der für die günstigere dritte Klasse regelmäßig rappelvoll war. Mehr als 100 Jahre lang nutzten vor allem die Beschäftigten der Hütte und Schüler die preiswerte Beförderung der GME. In den 70er-Jahren ging die Nachfrage jedoch rapide zurück, so dass das Angebot der Personenbeförderung nicht mehr aufrechtzuerhalten war.
Heute nennt sich das Gebäude AWO-Hüttenbahnhof und fungiert als Heimstätte unterschiedlichster Aktivitäten der Arbeiterwohlfahrt.

2Wasserturm

Wasserturm
Der Wasserturm ist in seiner Bauweise nicht nur speziell, er ist einzigartig. Früher speiste er die Lokomotiven des Stahlwerks mit Wasser.
Der historische Wasserturm zwischen den Gleisanlagen und Hof Gösmann in Hasbergen ist ein echtes Unikat und ein einzigartiges Industriedenkmal: Es gibt tatsächlich kein vergleichbares Objekt, da es in seiner ganzen Bauweise sehr speziell ist. Zum einen ist dieser Wasserturm – entgegen den meisten anderen Exemplaren – viereckig und erinnert damit fast an einen römischen Wachtturm. Außerdem ist er aus einem besonderen Baumaterial gemauert: In der Stahlhütte Georgsmarienhütte wurde aus der Schlacke, die beim Produzieren von Stahl anfällt, sog. Hüttensteine geformt, die wie Backsteine verwendet werden. Insofern hat der Turm selbst hierin seine Herkunft in der Stahlhütte.
In Georgsmarienhütte war 1858 der erste Hochofen angeblasen worden, womit die autarke Stahlgewinnung des Königreichs Hannover anlief. Infrastrukturell stand das ganze Unternehmen jedoch auf ziemlich tönernen Füßen. Die Erzgruben lagen mit 7 km Entfernung zu weit von den Hochöfen entfernt und die Kohle musste nach Stilllegung der wenig ergiebigen Kohlegruben in der Umgebung extra aus dem Ruhrgebiet herangeholt werden. Das alles war ohne Eisenbahn gar nicht zu bewältigen. Entsprechend eilig verliefen die Planungen für einen Anschluss. Mit der Hüggelbahn von 1866 und der Bahnstrecke Georgsmarienhütte-Hasbergen, die 1870 den Anschluss an die Strecke Münster-Osnabrück brachte, war das logistische Problem schließlich bewältigt. Beide Strecken verblieben übrigens außerhalb des Reichsbahnnetzes und wurden als Privatbahn von der Stahlhütte betrieben.
Zusammen mit den Gleisen war auch der Wasserturm zur Wartung der Lokomotiven durch das Unternehmen gebaut worden. Mit dem etwa zehn Kubikmeter großen Tank wurden die Werkslokomotiven des Stahlwerks, die ja alle unter Dampf fuhren, mit Wasser versorgt. Dieses wurde aus einem nahe gelegenen Brunnen in den Tank des Turmes gepumpt, dessen Höhe den notwendigen Wasserdruck gewährleistete. Von dort aus floss es in eine Leitung unterhalb des Gleisbettes. Durch einen sog. „Schwanenhals“ wurde dann die Lokomotive mit dem Wasser gespeist.
Die Zeit der Dampflokomotive ist inzwischen längst Geschichte. Daher war der Wasserturm seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb. Der Kultur- und Verkehrsverein Hasbergen hat mit Unterstützung von Fördergeldern jedoch dafür gesorgt, dass der Turm erhalten blieb, saniert wurde und nun sein ursprüngliches Aussehen zurückerhalten hat.

3Christuskirche

Christuskirche
Die Hüttenarbeiter aus dem Harz brachten den Protestantismus in den katholischen Osnabrücker Süden – und bauten sich aus der Schlacke der Stahlhütte ihre eigene Kirche.
Die Landgemeinden des Osnabrücker Südens waren traditionell fest in katholischer Hand. Das war eine Folge der Regelungen, die im Westfälischen Frieden getroffen worden waren. Ein Ende dieser Homogenität brachte erst das 19. Jhd. mit der Industrialisierung.
Die neu gegründete Stahlhütte in Georgsmarienhütte hatte von Anfang an großen Bedarf an Arbeitskräften. Die Einheimischen hatten allerdings wenig Neigung, in der Hütte zu arbeiten: Sie galt – nicht ganz zu Unrecht – als zu laut, zu schmutzig und zu gefährlich. Darüber hinaus machte die Runde, man solle sich nicht wundern, dort auch sonntags und an kirchlichen Feiertagen arbeiten zu müssen. Also blieb der Hütte nichts anderes übrig, als auswertige Arbeiter anzuwerben, und die waren oftmals Protestanten!
Ähnlich erging es dem Erzbergbau im Hüggel, der das Stahlwerk mit Eisenerz zu versorgen hatte. Viele der Bergleute waren z.B. aus dem Harz Zugewanderte, die ihre ev. Konfession mitgebracht hatten.
Es ist überliefert, dass das Zusammenleben der Einheimischen mit den Zugezogenen zunächst so seine Tücken hatte. Bezeichnend ist der überlieferte Fall, dass die Hagener sich weigerten, einen lutherischen Bergmann, der in ihrer Gemeinde gestorben war, auf ihrem Friedhof, in gut katholisch geweihter Erde, zu Grabe zu legen. Erst als sich das Amt Iburg einschaltete, weil die Geschichte unappetitlich wurde, konnte der Leichnam letztlich bestattet werden.
Es musste also ein Friedhof her, der auch Evangelischen zugänglich war. Auch mussten die Möglichkeiten einer angemessenen Seelsorge immer mehr in Betracht gezogen werden, je mehr ev. Einwanderer sich in der Industrieregion niederließen, denn die evangelische Kirchen in Osnabrück waren viel zu weit weg, um im Alltag der Menschen vor Ort eine Rolle zu spielen.
Seit den 80er Jahren des 19.Jhd. gab es ernsthafte Bestrebungen, eine eigenständige ev. Gemeinde in Hasbergen zu gründen. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis das Ansinnen auch in die Tat umgesetzt wurde. 1901 bekam die junge Gemeinde endlich ihre eigene Kirche, die Christuskirche.
Ihr Baumaterial ist, zumal für eine Kirche, eine Besonderheit. Es stammt aus direkter Nachbarschaft, nämlich aus der Stahlhütte. Die Schlacke, die beim Kochen des Stahls anfiel, wurde im Sinne der Ökonomie weiterverwendet und in Form von Backsteinen gepresst. Das langlebige Baumaterial, das auf diese Weise produziert wurde, nennt man Hüttensteine. Und runde 600.000 von ihnen sind in der Christuskirche verbaut. Ob es an dem Baumaterial oder an der Architektur liegt: Die Akustik der Christuskirche ist bekanntermaßen hervorragend und deshalb ist sie nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für musikalische Veranstaltungen besonders geeignet.

4Steinbruch Hollage

Steinbruch Hollage
Vor 235 Millionen Jahren entstand der Kalkstein am Hollager Berg. Der hier abgebaute Muschelkalk wurde als Baumaterial genutzt, unter anderem für die Hollager Josefskirche.
Im gesamten Osnabrücker Land ist seit dem Mittelalter Stein aus dem Berg herausgehauen worden. Nahezu alle älteren Gebäude der Region künden davon. Die Steinbrüche können nach ihrer Auflassung jedoch zum Problem werden, zumal wenn sie leichtsinnig als abenteuerliche Kletterparcours benutzt werden. Um ein anderes Problem gleich mit zu lösen, hat man deshalb vielfach die alten Steinbrüche mit Müll verfüllt. Nicht umsonst beschleicht uns dabei Unbehagen: der Müll einer oft auf Kurzlebigkeit ausgerichteten Konsumgesellschaft und das eine Ewigkeit repräsentierende natürliche Gestein. Das sind eigentlich zwei Dinge, die nicht recht zueinander passen wollen. Um gerecht zu bleiben: Der Verfüllung sieht man ihre Natur im Nachhinein nicht mehr an, zugleich ist eine Narbe in der Landschaft gewissermaßen wieder verschlossen. Dennoch bleibt natürlich der Appell, in Zukunft darauf zu achten, nicht mehr so viel Müll zu produzieren.
Eine bewusste Ausnahme von der Praxis der Wiederverfüllung ist der ehemalige Kalksteinbruch Middelberg. Dieser Steinbruch wurde zum Naturdenkmal erklärt, weil sich an seinen Steilwänden wunderschön die Geologie des Berges ablesen lässt. Der hellgraue bis gelbliche Kalkstein am Hollager Berg entstand vor etwa unvorstellbaren 235 Millionen Jahren. Ursprünglich war er feiner Kalkschlamm, also Überrest von Myriaden von Schalenwesen, die in dem Meer lebten, das damals unsere Region bedeckte. Durch das Gewicht der immer mächtiger werdenden Schichten verfestigte sich der Schlamm im Laufe der Jahrmillionen zu dem Muschelkalkgestein, das uns heute in dem Steinbruch vor Augen tritt.
An der Wende vom 19. zum 20. Jhd. begann hier der zunächst vorindustrielle Abbau des Muschelkalks. Zahllose Häuser, Kellersockel und Hofmauern wurden daraus errichtet, auch die Hollager Josefskirche. 1936 übernahm Caspar Middelberg den Steinbruch, dessen Name bis heute der Steinbruch trägt. Erst 1981 fand der Gesteinsabbau in diesem Steinbruch sein Ende. Danach übernahm zunächst die Kirchengemeinde St. Josef das Gelände und errichtete hier eine Freizeit- und Begegnungsstätte mit Schutzhütte und Grillplatz. Doch nach einigen Jahren wurde der Gemeinde die Instandhaltung zu viel. Nächtlicher Vandalismus und eine damit einhergehende Vermüllung – schon wieder Müll! – machten eine weitere Nutzung durch die Gemeinde nahezu unmöglich. Seit 2013 kümmert sich der Verein Heimathaus Hollager Hof um das Naturdenkmal. Seine ehrenamtliche Tätigkeit stellt sicher, dass der Steinbruch auch weiterhin Besuchern zugänglich ist.
Damit das auch so bleiben kann, liebe Besucher, müsst ihr ein wenig mithelfen: Nichts von den Steinwänden abklopfen, keine lautstarke Sause mit Musik, die alles an wildlebenden Tieren der ganzen Umgebung verscheucht, und vor allem: Lasst bitte euren Müll hier nicht liegen!

5Hollager Steine

Hollager Steine
Diese steinzeitlichen Brocken waren in der Vergangenheit ein wichtiger Versammlungsort, an dem auch Gericht gehalten wurde.
Die gewaltigen und seltsam abgerundeten Findlinge, die die Menschen in der Landschaft vorfanden, haben immer schon die Fantasie der Menschen bewegt. Man konnte sich nicht recht erklären, wo sie herkamen und warum sie dort an Ort und Stelle lagen. Daher bemächtigte sich häufig die Sage dieser Steine. Oftmals wurden sie mit Riesen in Verbindung gebracht, mit heidnischen Ritualen aus ferner Vergangenheit, mit Hexen oder gar dem Teufel.
Bevor der Mensch in dieser Gegend sesshaft wurde, gab es sicherlich noch sehr viel mehr von ihnen, aber schon seit der Jungsteinzeit wurden viele der Findlinge von ihrem Ort entfernt, oft um verbaut zu werden: Bereits vor vier- bis fünftausend Jahren in den Großsteingräbern, aber auch noch bis ins 19 Jhd., in dem man aus Findlingen das Fundament eines Hauses erstellte. Zudem wurden wohl nicht wenige aus dem Weg geräumt, weil sie die Feldwirtschaft behinderten.
Dennoch finden sich im Osnabrücker Land noch immer sehr viele Findlinge, was auf eine geologische Eigenheit zurückzuführen ist: Unglaublich, aber wahr, die meisten dieser großen Brocken, die hier in der Landschaft herumliegen, stammen ursprünglich aus Schweden!
Das bedeutet, unsere Hollager Steine haben eine unglaubliche Reise hinter sich.
Diese beginnt vor etwa 200.000 Jahren. Damals war das Klima auf der Erde langsam, aber merklich abgekühlt. Es kam zu einer Eiszeit. Riesige Eisgletscher bildeten sich am Polarkreis und traten ihren unendlich behäbigen, aber dennoch wuchtigen und unaufhaltsamen Siegeszug gen Süden an. Diese Gletscher rissen alles, was ihnen im Wege stand, mit sich oder schoben es vor sich her. Auf diese Weise wurden unsere Hollager Steine von Südskandinavien bis an die heutige Talstraße am Südhang des Hollager Berges transportiert. Gleichzeitig wurden ihnen im Laufe ihrer langen Reise durch Sand, Eis und Wasser alle scharfen Kanten abgeschmirgelt.
Unsere drei Findlinge, die sicherlich nicht ganz vollständig aus dem Boden ragen, haben ein erstaunliches Gewicht. So bringt der größte von ihnen um die 16 Tonnen auf die Waage! Wenn man sich die Steine nun genauer ansieht, ergibt sich ein seltsamer Effekt: Meistenteils bestehen sie aus mittel- bis grobkörnigem Granit, daher wirken die großen rötlichen Feldspat-Kristalle zwischen den vielen dunkel gesprenkelten Glimmerplättchen, als würden sie in der Gesteinsgrundmasse schwimmen.
Über die Hollager Steine gibt es zwar keine fantasievollen Geschichten, dafür hatten sie in alter Zeit die ganz praktische Funktion einer Landmarke und eines Versammlungsortes. Hier wurde Gericht gehalten, man schmiedete Bündnisse und entschied zu Zeiten der Grafen von Tecklenburg über Krieg und Frieden.
Heute haben die Hollager Steine zwar keinen praktischen Nutzen dieser Art mehr, doch sie laden durch ihre Urtümlichkeit noch immer zum Staunen ein. Daher sind sie zu Recht als Naturdenkmale unter Schutz gestellt.

6Piussäule

Piussäule
25 Jahre war Papst Pius IX. im Amt, als sich die Wallenhorster entschlossen, ihm eine Säule zu widmen – 25 Fuß hoch und mit Maria auf dem Sockel.
„Wir haben hier, wie wohl überall, mit Freudenfeuern, Böllerschießen, Feuerwerk, Fackeln, Festliedern, Reden und tausendstimmigen Hochs das Jubiläum Seiner Heiligkeit Pius IX. gefeiert“, so schreiben die „Neuen Volksblätter“ vom 23. Juni 1871. Gefeiert wurde das 25-jährige Amtsjubiläum des Papstes Pius IX. Diese Feier war übrigens nicht nur ein Zeichen dafür, wie fromm die Wallenhorster seinerzeit waren, sondern gleichzeitig eine nicht ganz unpolitische Demonstration. Bismarck war geradezu verschrien als strikter preußischer Protestant, und sein neu gegründetes Deutsches Kaiserreich schickte sich an, den Einfluss der Kirchen auf das öffentliche Leben zu beschränken. Später sollte man die Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche als „Kulturkampf“ bezeichnen.
Aber zurück nach Wallenhorst: Während der Feier zu Ehren des Papstes wurde beschlossen, eine hohe Säule mit einer Marienstatue zu errichten, gewissermaßen als Verfestigung der Ehrerbietung gegenüber dem Papst. Auch das wiederum ein Statement in einer Zeit, in der die Denkmalskultur in erster Linie national geprägt war. Das Grundstück stellte Bauer Clausing aus Hollage. Der Standort war nicht schlecht gewählt, denn die Säule wurde ziemlich genau in die Mitte des alten Kirchspiels Wallenhorst gepflanzt. Außerdem hat der Hollager Berg hier seinen höchsten Punkt, was allerdings durch die heutige Bebauung nicht mehr so deutlich wird. Das Standbild selbst wurde durch Spenden finanziert. Insgesamt gab es 1891 Spender, deren Namen in einem Bleikästchen in den Sockel eingelassen wurden. Der Bildhauer Heinrich Seling gestaltete aus Ibbenbürener Sandstein eine Säule mit einer Höhe von genau 25 Fuß – gemäß der Anzahl der Ponifikatsjahre Pius IX. Gekrönt wurde die Säule von einer Madonnenstatue mit andächtig gefalteten Händen.
Übrigens war der Bischof in Osnabrück zunächst nicht sonderlich begeistert von der Idee, eine Piussäule zu errichten. Eigentlich hätte er das Geld lieber verwendet, um die neue Alexanderkirche in Wallenhorst standesgemäß herzurichten. Außerdem fürchtete er Vandalismus. Unbegründet war die Sorge nicht, denn das Relief mit dem Antlitz Pius IX. wurde nach kurzer Zeit aus dem Sockel herausgebrochen. Auch das wird ein politisches Statement gewesen sein, nur diesmal von der Gegenseite!
Eigentümer der Piussäule ist heute die Kirchengemeinde Wallenhorst. Allerdings beteiligt sich die Kirchengemeinde Hollage regelmäßig an den Erhaltungsmaßnahmen.Im Mittelpunkt steht die Mariensäule seit mehreren Jahren im Dezember zum Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Im Rahmen einer Lichterprozession treffen sich dann hier die Gläubigen aus Wallenhorst und Hollage zu einer Marienfeier.

7St. Alexanderkirche und Annakapelle

St. Alexanderkirche und Annakapelle
Als die alte Alexanderkirche zu klein wurde, errichtete sich Wallenhorst eine neue – und mit ihr ein neues Ortszentrum.
Wallenhorst war ursprünglich eine landwirtschaftlich geprägte Gemeinde mit teilweise weit auseinander liegenden Gehöften. Ein erstes Zentrum entstand durch die alte St. Alexanderkirche u.U. sogar schon durch ein älteres heidnisches Heiligtum. Die Sogkraft dieses Zentrums ist aber nie so groß gewesen, dass sich darum ein fester Siedlungskern gebildet hätte.
Während des 19. Jahrhunderts wurde die katholische Kirchengemeinde immer unzufriedener mit der Situation ihrer alten Kirche. Zwar hatte man sie im Laufe der Zeit immer wieder erweitert und renoviert, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie für die angewachsene Bevölkerung nicht mehr genügend Platz bot. Außerdem entwickelte sich zunehmend ein Renovierungsstau. Deshalb bemühte man sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts um einen geeigneten Platz für die neue Kirche. Die bischöfliche Verwaltung in Osnabrück hatte ein Auge auf die Auswahl des Standortes und verfügte: Die Kirche muss von einem ansehnlichen freien Platz umgeben sein, so dass sie nach allen Seiten dem Auge eine unbehinderte und wirkungsvolle Ansicht darbietet. Auf dem Bokholt, einem alten Versammlungsplatz in Wallenhorst wurde man fündig. Architekt Xaver Peter Lütz, der sein Können in der Kölner Dombauhütte erworben hatte, baute eine dreischiffige neugotische Hallenkirche nach mittelalterlichem Vorbild mit einem 67m hohen Turm.
Mit der Fertigstellung der Kirche 1886 und dem Bau des Pfarrhauses, der Schule und weiteren Gebäuden entstand um die Kirche ein neues Wallenhorster Zentrum, das sich im Verlauf weiterer Jahrzehnte zum echten Siedlungskern entwickelte.
Bei dem Umzug von der alten zur neuen Alexanderkirche nahm man einiges an Inventar mit, beispielsweise das wertvolle romanische Taufbecken. Ansonsten hatte man für die baulichen Relikte der Altvorderen aber wenig übrig. Zwischenzeitlich hatte man sogar die Absicht, die alte Alexanderkirche abzureißen. Zum Glück hat man davon Abstand genommen, so dass sich Wallenhorst heute sowohl an der alten als auch an der neuen Alexanderkirche freuen kann.
Wallenhorst hat aber noch ein drittes geistliches Gebäude, und das ist die Annakapelle. Sie steht gewissermaßen im Schatten der neuen Alexanderkirche, dabei existierte sie schon viele Jahre vor dem großen Nachbarn. Im 15. Jhd. ist sie als Gedenkkapelle für zwei in der Schlacht gefallene Brüder errichtet worden. In den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts erinnerte man sich an diesen Aspekt der Kapelle und nutzt sie seitdem zum Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs.

8Hofstelle Duling

Hofstelle Duling
Frieden ist nicht selbstverständlich, sondern muss gehegt und gepflegt werden – auch dafür steht der Friedensgarten an der Hofstelle Duling.
Hornsignal. A: Seht, da kommt ein Reiter aus Richtung Osnabrück. Er scheint es eilig zu haben. (Hufgetrappel, das langsamer wird). Bote:
Ich komm von Münster her gleich Sporensreich geritten
Und habe nun das meist des Weges überschritten
Ich bringe gute Post und neue Friedenszeit
Der Frieden ist gemacht, gewendet alles Leid!
A: Habt ihr gehört? Es ist Frieden, Frieden! Was für ein Glück!
Bote:
Der Höchste sei gelobt, der Friede ist getroffen
Fortan sei männiglich ein besser Jahr zu hoffen
Der Priester und das Buch, der Ratsherr und das Schwert
Der Bauer und der Pflug, der Ochs und das Pferd
Was für eine Erleichterung es für die Menschen war, als der 30-jährige Krieg endlich zu Ende ging! 30 Jahre fürchterlichstes Blutvergießen und Verheerung ganzer Landstriche waren vorüber. Auch die Bauern des Osnabrücker Landes hatte es immer wieder schlimm getroffen. Oft genug konnten sie nicht ernten, was sie gesät hatten. Zumal wenn die Frontlinie sich wieder geändert hatte, rückten einmal mehr neue Soldaten in die Region ein, die sich nahmen, was sie wollten.
Zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens 1998 ließ die Gemeinde Wallenhorst einen Friedensgarten als Ort der Ruhe und Besinnung anlegen. Er liegt zwischen der gemeindeeigenen Hofstelle Duling und dem Friedhof. Der Garten selbst ist ein einprägsames Symbol für den Frieden, denn nur in Zeiten der Hege und des Wachstums kann er gedeihen.
Der etwa 6.000 Quadratmeter große Friedensgarten ist darauf angelegt, dem Auge des Besuchers zu jeder Jahreszeit blühende, färbende oder fruchtende Pflanzen zu bieten.Während der östliche Teil einen parkartigen Charakter hat, erinnert der westliche Teil eher an einen Wald.Die große Skulptur einer Taube gibt das Grundthema des Gartens vor. Als Friedenssymbol weist sie auf die Freude des Neuanfangs hin, die sich mit dem Westfälischen Frieden verband.
Auf der zur Straße gelegenen Seite des Hofes Duling befindet sich ein Bauerngarten mit Kräuter- und Duftgewächsen, wie er jahrhundertelang für Bauernhäuser dieser Art typisch war. Angelegt haben ihn die Wallenhorster Landfrauen, die die Pflanzen aus ihren eigenen Gärten spendeten.

9Hexenstein

Hexenstein
Hexen waren es nicht, die diesen Stein nach Wallenhorst brachten. Ein Gletscher transportierte den rund 25 Tonnen schweren Findling vor 200.00 Jahre aus Südschweden hierher.
(Eule, unheimliches mehrstimmiges Frauenkreischen und -lachen) Hexe: (beschwörend) Es schweigt der Wind, es flieht der Stern, der trübe Mond verbirgt sich gern. Im Sausen sprüht das Zauberchor viel tausend Feuerfunken hervor. Die Salbe gibt den Hexen Mut,Ein Lumpen ist zum Segel gutEin gutes Schiff ist jeder TrogDer flieget nie, der heut nicht flog.
Und wenn wir um den Gipfel ziehn,So streichet an dem Boden hinUnd deckt die Heide weit und breitMit eurem Schwarm der Hexenheit.
Hier ist er nun, der Hexenstein! Was haben wir schon auf ihm getanzt! Ganz glatt ist er davon geworden, seht ihr?
Geologe (insgesamt sehr sachlich, gestelzt, Bildungsdünkel): Entschuldigung, die Dame.
H: (verwirrt) Was?
G: Ich habe da etwas völlig anderes gehört.
H: (noch immer verwirrt) Wie?
G: Dieser beachtliche Findling ist ein Exemplar aus Rotem Växjö-Granit, ca. 1,7 Millionen Jahre alt. Mit seinem Gewicht von etwa 25 Tonnen ist der „Dicke Stein“, wie wir ihn auch gerne nennen, einer der größten Findlinge Niedersachsens.
H: (gereizt) Soso, und warum ist er deiner Meinung nach so glatt?
G: Er erhielt seine Glätte durch die abschmirgelnde Einwirkung von Wasser, Eis und Sand. Er ist die Hinterlassenschaft einer Eiszeit vor etwa 200.000 Jahren. Ein gewaltiger, bis an die 400 m mächtiger Gletscher trug den Findling mit sich von Südschweden bis hierher. Als der Gletscher sich in der Wärmeperiode wieder zurückzog, blieb der glattgeschliffene Stein hier einfach liegen.
H: (nachdenklich) Wirklich beeindruckend, wenn man so darüber nachdenkt.
G: Ja, fürwahr! Deshalb steht der „Dicke Stein“ auch schon seit 1948 unter Naturschutz. Als man 1966 die Brücke der B68 betonierte kam es jedoch zu einem Malheur und der Stein wurde fast vollständig von Beton übergossen.
H: (aufgebracht) O, nein!
G: Keine Sorge, die Dame. 1997 wurde er auf Initiative der Gemeinde Wallenhorst wieder freigelegt und mit einem 80-Tonnen-Autokran geborgen. Seitdem liegt er hier wieder, deutlich sichtbar an der Ruller Straße. – Gut, dann wäre das geklärt. Einen schönen Abend noch die Damen.
H: Hm, Südschweden, da wollte ich auch immer schonmal hinfliegen

10Alte St. Alexanderkirche

Alte St. Alexanderkirche
Wohl mindestens 1.200 Jahre alt ist dieses Gotteshaus, das tatsächlich ein weibliches Wesen an der Spitze hat.
Die Alte Alexanderkirche liegt umsäumt von großen Bäumen bei den Höfen des alten Dorfkernes abseits des modernen Ortes Wallenhorst. Der Blick schweift über die verträumten uralten Bruchsteinmauern hinauf bis zur Kirchturmspitze. Aber was ist das? Normalerweise gibt dort oben doch ein Wetter-hahn den Ton an. Er dreht sich mit dem Wind und zeigt an, ob sich das Wetter ändert. Ja, nur hier in Wallenhorst, da ist es anders: Dort oben auf der Kirchturmspitze sitzt eine Wetter-henne!
Wir sehen in einer weit entfernten Vergangenheit Karl den Großen nach einer siegreichen Schlacht gegen die Sachsen nach Wallenhorst ziehen. Hier soll ein Tempel zur Verehrung der sächsischen Götter gestanden haben. In heiligem Zorn lässt ihn Karl niederreißen und auf seinen Trümmern eine Kirche errichten. Statt eines gängigen Wetterhahnes verfügt er jedoch, es solle eine Henne auf die Kirchturmspitze gesetzt werden, zum Zeichen, dass diese Kirche die Gründung vieler weiterer Kirchen nach sich ziehen würde, gleichsam einer Glucke, die ihre Küken ausbrütet. Die barocke Inschrift auf dem Türbalken zur Sakristei datiert das Geschehen auf das Jahr 777.
Eine nächste Spur findet sich in einem legendenumrankten Bericht aus dem 9. Jhd. Er beschreibt die Überführung der Reliquien des Hl. Alexander durch Waltbert, den Enkel des sagenhaften Sachsenherzogs Widukind, nach Wildeshausen. Der Tross macht in Wallenhorst halt und nimmt dort Quartier. Ein Blinder, der zufällig zugegen ist, wird auf der Stelle geheilt.
Ob die Alexanderkirche zu diesem Zeitpunkt hier schon steht, bleibt aus der Sicht des Historikers ungewiss. Allerdings hat man bei Untersuchungen des Kirchenbaus das Findlingsfundament einer Vorgängerkirche gefunden, die ins 8. oder 9. Jhd. datiert werden kann. Falls wir entgegen den alten Überlieferungen Karl dem Großen hier also doch nicht persönlich begegnen sollten, so sind wir zumindest ganz dicht dran!
Der Kirchenbau, wie er uns heute vor Augen tritt, entstammt größtenteils dem 12. und 13. Jhd., auch wenn er noch bis ins 18 Jhd. erweitert und umgebaut wurde. Im Jahre 1881 zog die Kirchengemeinde in die Neue Alexanderkirche um, was dazu führte, dass der Ortskern sich ins moderne Wallenhorst verlagerte.
In der alten Kirche finden daher heutzutage nur noch besondere Veranstaltungen und Gottesdienste, wie z.B. Trauungen, statt. Zumal zu solchen Anlässen kommt jedoch die schöne Atmosphäre dieses geschichtsträchtigen Gotteshauses zu ihrer besonderen Würdigung.

11Windmühle Lechtingen

Windmühle Lechtingen
Eine reine Windmühle war das Gebäude nur für kurze Zeit: Da der Wind nicht so blies wie erhofft, unterstütze bald ein Dampfkessel den Mahlbetrieb.
Johann Rudolf Pagenstecher war seinerzeit in Osnabrück eine durchaus prominente Persönlichkeit. Er war es nämlich, der als studierter Bergmeister die Kohleförderung am Piesberg zu ungeahnten Ausmaßen mit 1500 Beschäftigten führte! Pagenstecher war jedoch nicht nur Industriekapitän, sondern auch Förderer der Landwirtschaft und Gründer der ersten Landwirtschaftsschule im Osnabrücker Land. Er selber hatte eine Hofstelle in Lechtingen übernommen und kannte die hiesigen Gegebenheiten sehr genau. Deshalb fiel es ihm nicht sonderlich schwer, einigen seiner Zechenarbeiter schmackhaft machen, sich hier anzusiedeln. Ein großes Problem für die Neubauern war jedoch der weite Weg zur nächsten Mühle nach Rulle oder Hollage. Daher beschloss der inzwischen schon 78-Jährige vor Ort in Lechtingen eine Mühle zu bauen. Nach einigen Querelen um die Genehmigung konnte der offenbar noch immer sehr energische Pagenstecher 1887 seine Mühle in Betrieb nehmen.
Mit den Jahren merkte der Pächter der Mühle, dass wohl die Windverhältnisse am Standort nicht gänzlich optimal waren, deshalb wurde der Betrieb auf die Unterstützung durch einen Dampfkessel umgestellt. Das war gewissermaßen das Ende der Windkraftnutzung, wenn auch auf Raten. Der Dampfkessel wurde bald durch einen modernen Motor ersetzt, der das ursprüngliche Mühlenwerk letztlich überflüssig machte, so dass es mit der Zeit verfiel. Zuerst verlor die Mühle ihre Flügel und in den 1920ern flog bei einem Sturm die ganze Mühlenkappe herunter. Der Mühlenstumpf bekam daraufhin ein Betondach und der eigentliche Mahlbetrieb wanderte wenig später in Gänze in die Motormühle. So blieb der Mühlenstumpf über viele Jahre hinweg mehr oder weniger sich selbst überlassen. Die Müllergesellen aus der Motormühle sollen öfters abenteuerlustig auf das Dach der Windmühle geklettert sein, um dort ihre Mittagspause zu verbringen. Die Beine vom Dach baumeln lassend leerten sie dort in aller Ruhe das mitgebrachte Essen aus ihren Henkelmännern. Sehr zum Ärger ihres Meisters.
1970 war auch damit endgültig Schluss, der letzte Pächter gab den Betrieb auf. Das hätte den endgültigen Verfall der Mühle bedeuten können, 1982 wurde jedoch der Verein Windmühle Lechtingen gegründet, der mit viel ehrenamtlichem Engagement und Sponsorengeldern die Mühle rettete und ihr sogar ihre ursprüngliche Gestalt wiedergab.
Aktuell ist während der warmen Jahreshälfte die Mühle in der Regel den ersten Sonntag im Monat nachmittags geöffnet. Und wer hier traditionell gemahlenes Mehl aus ökologischem Anbau kaufen möchte, kann das jeden Samstagvormittag zwischen 10 und 12 Uhr tun.

12St. Johannes Rulle

St. Johannes Rulle
Wunder gab es hier immer wieder: Schon die Errichtung eines Klosters an dieser Stelle soll Bauholz geschuldet sein, das von allein nach Rulle rollte.
Die Wallfahrtskirche St. Johannes in Rulle ist umrankt von einer Vielzahl von Wundererzählungen. Als erstes ist die Gründung des Klosters durch die Zisterzienserinnen zu erwähnen. Da ihr Kloster in Haste abgebrannt war, erhielten die Klosterfrauen vorübergehend Unterkunft auf einem Meyerhof in Rulle, zu dem auch die St. Ulrichskirche gehörte. Während nun neues Bauholz zum Wiederaufbau des Klosters geschlagen wurde, rollten die Stämme nachts auf unerklärliche Weise den Berg nach Rulle hinab. Nachdem sich der Vorgang mehrfach wiederholt hatte, wurde den Nonnen klar, dass es göttlicher Wille sei, das neue Kloster in Rulle anstatt in Haste zu erbauen. Von dem Holz, das ins Tal der Nette herabrollte, soll sich übrigens der Ortsname Rulle ableiten.Das im Jahr 1246 gegründete Kloster gedieh und machte insbesondere durch seine Gelehrsamkeit von sich reden.
Im Jahre 1347 ereignete sich jedoch etwas Folgenschweres: Die Zisterzienserinnen hatten auf dem Altar der St. Ulrichskirche einen Korb für Spenden aufgestellt, um Mittel für eine Schmuckmonstranz zu sammeln. Daneben hatten sie eine Dose mit fünf in Leib Christi gewandelte Oblaten gelegt. Unbekannte Diebe raubten nun beides und entkamen mit dem Inhalt des Sammelkorbes, aber für die Oblaten hatten sie offenbar keine Verwendung und warfen sie weg. Einige Tage später fand man die Dose ganz in der Nähe des Klosters wieder. Als man sie öffnete, hatten sich die Oblaten nicht nur von ihrer geistigen Substanz her, sondern auch wahrhaftig in blutiges Fleisch verwandelt. Dieses heilige Blutwunder machte sofort die Runde. Es wurde an der Fundstelle eine dem heiligen Johannes geweihte Wallfahrtskapelle gebaut, die in Zukunft das Ziel der Heilig-Blut-Wallfahrt werden sollte. In einer feierlichen Zeremonie wurde die Hostiendose dorthin überstellt. Mit Hilfe vieler Pilgerspenden konnte 1652 schließlich eine kostbare gotische Turmmonstranz gefertigt werden, in der heute noch die Dose des Blutwunders aufbewahrt wird.
Damit aber nicht genug: Der Wallfahrtsort verfügt auch noch über eine heilkräftige Marienquelle: Ein blinder Schäfer entdeckte sie einst, indem er seinen Hirtenstab in den Boden steckte. Als er ihn wieder hinauszog, brach sich die Quelle ihre Bahn. Indem der Schäfer sich mit dem Wasser die Augen benetzte, wurde er wieder sehend.
Die Vielzahl dieser Legenden und der mit ihnen in Verbindung stehenden Relikte machen bis heute Rulle zu einem gefragten Wallfahrtsort. Bis zu 50.000 Gläubige kommen jedes Jahr hierher. Zudem ist Rulle Station des Jakobsweges an der via baltica.
Das Kloster der Zisterzienserinnen gibt es heute nicht mehr, es wurde 1803 aufgelöst. Aber ein Großteil des Baubestandes ist erhalten, allerdings nicht immer unbedingt erkennbar. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Heilig-Blut-Wallfahrt eine Renaissance erlebte, wurde wegen der Vielzahl der Pilger der gesamte Bestand an alten Kirchen und Kapellen überbaut und in die heutige Form gebracht.

13Wittekindsburg

Wittekindsburg
Ob Sachsenherzog Widukind oder Wittekind tatsächlich vor Karl dem Großen hierher floh, ist unsicher. Fest steht, dass die Burg einst eine große Anlage mit Gräben und Wällen war.
Die Burganlage im Nettetal ist umrankt von Legenden: Ein großer König, der in das Land der Sachsen einfällt, ein sächsischer Stammeshäuptling, der sich den Franken nicht geschlagen geben will und den Eindringlingen verzweifelt Widerstand leistet. Das ist ein Stoff, der an Dramatik kaum zu übertreffen ist.
Karl der Große ist ein verdienstvoller Herrscher, der Vater Europas, er ist derjenige, der Christentum und römische Zivilisation in den Norden des heutigen Deutschlands bringt, aber ein Heiliger und Friedenskönig ist er dabei nicht. Die widerspenstigen Sachsen und ihr unwegsames Territorium machen dem König der Franken schwer zu schaffen. 30 Jahre wird er schließlich brauchen, um Sachsen ganz zu unterwerfen. Sein großer Gegenspieler ist für lange Jahre der Sachsenherzog Widukind oder Wittekind. Er hasst die fränkischen Invasoren und organisiert den bewaffneten Kampf gegen sie. Militärisch ist es ein langes Ringen ohne vorhersehbaren Ausgang, keiner von beiden kann den entscheidenden Sieg erringen, denn die fränkischen Ritter sind besser bewaffnet und militärisch gedrillter, doch die Sachsen kennen ihr Territorium und greifen den Feind immer wieder empfindlich aus dem Hinterhalt an. Aber die Sachsenkrieger und ihre Familien müssen sich über Jahre hinweg in ihrem eigenen Land von den Franken jagen lassen. Ein unhaltbarer Zustand. Es muss endlich eine Entscheidung her. Im Jahre 783 stellt sich Wittekind mit seinen Gefolgsleuten den Franken bei Detmold zur Schlacht. Das Ergebnis ist ein Desaster. Wittekind muss fliehen und sich in die Sicherheit einer seiner Burgen zurückziehen. Der Sage nach ist sein Rückzugsort diese Burg hier im Nettetal bei Rulle.
Archäologen haben nachgewiesen, dass die Wittekindsburg eine erstaunlich große Anlage mit Gräben und Wällen gewesen ist. Sie war wohl ursprünglich als Fluchtburg für die umliegende Bevölkerung angelegt worden. Die Datierung der Überreste macht deutlich, dass die Burg tatsächlich schon in sächsischer Zeit gegründet worden ist. Doch auch nach der fränkischen Eroberung ist sie weiter ausgebaut und noch lange bewohnt worden.
Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Wittekind hier war. Die Zeit auf dieser Burg wird für ihn nicht einfach gewesen sein, denn er musste hier grundsätzliche Entscheidungen treffen. Zwei Jahre nach seiner Niederlage begab er sich zu seinem Widersacher Karl dem Großen, unterwarf sich und ließ sich taufen. Hocherfreut übernahm der König selbst das Amt des Taufpaten. Überhaupt vergalt Karl dem Sachsenherzog Widukind seine Unterwerfung mit einer ganzen Reihe von Gegenleistungen. Widukind blieb Sachsenherzog und durfte seine weit gestreuten Güter an seine Nachkommen weitervererben.
Jetzt kann ich Ihnen nur noch raten: Sehen Sie sich die welthistorisch bedeutsame Stätte doch einmal an. Die Besichtigung der stimmungsvollen Ruine auf dem Ruller Berg lässt sich sehr schön mit einer Wanderung durch das Nettetal verknüpfen. Im Tal unterhalb der Burg liegt malerisch eine uralte Wassermühle. Dort ist eine Lokalität untergebracht, in der sie eine gepflegte Pause einlegen können, nachdem sie die alte Wittekindsburg im Sturm genommen haben.

14Icker Loch

Icker Loch
Als sich hier vor über 200 Jahren die Erde auftat, soll sie eine Frau und eine Kutsche mitgerissen haben. Polizeitaucher fanden hier allerdings nur die Reste einer Waschmaschine.
(mehrstimmige Pferdehufe, polternde Räder auf einer Straße) Frau: Endlich habe ich dieses Osnabrück hinter mir gelassen, furchtbare Stadt! Kutscher! Wie heißt der nächste Ort, den wir erreichen werden? Kutscher: (von außen, Stimme erhoben) Hunteburg
Frau: Habe ich noch nie von gehört! Ist das auch wieder so ein grässliches, gottvergessenes Kaff?
Kutscher: Es ist ein kleiner Ort, hohe Frau, aber ob es gottvergessen ist, mag ich nicht zu beurteilen.
Frau: Ganz gleich, beeile er sich!
(langgezogenes donnerndes Geräusch, ähnlich wie bei einer Lawine)
Kutscher: Hüa! Hüa! (Peitschenknall)
Frau: Was ist denn das schon wieder? Es saust gleich einem Wirbelwind und Hagelwetter unter der Erde! In Teufels Namen, Kutscher, fahrt!
Kutscher: In Gottes Namen will ich fahren! Habe es immer getan! (Kutscher wird abgeworfen) Aaaah!
Krachen, Pferdegewieher, Schrei der Frau, danach ein Poltern, etwas Schweres fällt in die Tiefe)
Kutscher(erschüttert): Der Herr sei meiner Seele gnädig, ein Loch in der Straße! Die Kutsche! Die Frau! Alles versunken!
(anderer Sprecher)
Das Icker Loch ist ein sog. Erdfall. Ein solcher entsteht, wenn unter der Erdoberfläche wasserlösliche Gesteinsschichten vorliegen. Sind diese im Grundwasser aufgelöst, entsteht ein Hohlraum, bis die darüber liegenden Schichten aufgrund ihres Gewichtes nachgeben. Sobald der Einbruch da ist, füllt er sich nach und nach mit Wasser und es entsteht ein stehender bisweilen sehr tiefer Tümpel. Das Icker Loch soll zeitweilig eine Tiefe von 40 m gehabt haben.
Entstanden ist das Icker Loch am 22. April des Jahres 1782. Das weiß man so genau, weil es darüber Aufzeichnungen gibt. Dass darin eine Kutsche mit einer gotteslästerlichen Frau versunken ist, ist zwar nicht schriftlich überliefert, dafür weiß es aber der Volksmund ganz genau!
Offenbar ist der gesamte Grund um das Icker Loch nicht ganz sicher. Schon im 15. und 16. Jhd. sind Erdfälle dokumentiert, allerdings hat man diese bald zugeschüttet, um die Fläche wieder landwirtschaftlich nutzen zu können. Jetzt muss aber niemand Angst davor haben, dass ihm Ähnliches geschieht wie der Frau in der Sage vom Icker Loch. Zwar kann man nicht ausschließen, dass es hier weitere Hohlräume gibt, aber ein Einsinken würde sich zunächst durch langsame Erdbewegungen ankündigen. Man hätte also durchaus genügend Zeit, sich in Sicherheit zu bringen.
Dass das Icker Loch heute längst nicht mehr so tief ist, wie es wohl ursprünglich einmal war, haben Polizeitaucher festgestellt, als sie auf dem Grund nach zwei geraubten Tresoren suchten. Die Tresore haben sie übrigens nicht gefunden, sondern nur eine unnötigerweise schwarz entsorgte Waschmaschine.

15Findlingsgarten Vehrte

Findlingsgarten Vehrte
Steinalt: Mehrere hundert Millionen Jahre haben die Findlinge auf dem Buckel, die aus Skandinavien von Gletschern nach Belm gebracht wurden.
Vehrte ist „steinreich“, zumindest, wenn man sich die repräsentative Auswahl regionalen Gesteins im Findlingsgarten ansieht. Zehn imposante Findlinge sind hier versammelt, die alle eine ganz eigene Geschichte haben und auf unterschiedliche Weise ihren Weg in den Steingarten gefunden haben. Die meisten stammen direkt aus der Umgebung und sind z.B. von Vehrter Landwirten auf ihren Feldern gefunden und gestiftet worden, andere stammen aus heimischen Steinbrüchen, einer von ihnen stammt vom Piesberg bei Osnabrück.
Wenn man das Lebensalter dieser Steine zusammenzählen würde, kämen etliche 100 Millionen Jahre zusammen, Zeiträume, die das menschliche Maß im Grunde nicht wirklich begreifen kann, sondern nur bestaunen. Jeder einzelne dieser Steine atmet diese Ewigkeit, die man zumindest von Ferne erahnen kann, wenn man sich auf sie einlässt.
Wie sind diese Steine entstanden? Wie sind sie hierher gekommen? Die Antworten sind ganz unterschiedlich. Einer von ihnen ist vulkanischen Ursprungs, andere sind im heimischen Sandstein gewachsen. Viele von ihnen sind eigentlich gar keine Einheimischen, sondern stammen ursprünglich aus Skandinavien. In der Saale-Kaltzeit, vor etwa 200.000 Jahren, wuchsen dort Gletscher, die bis zu einem Kilometer jährlich nach Süden vorrückten. So schoben sie sich schließlich bis in die norddeutsche Tiefebene hinein und bis in unsere Region. Der Eisrand lag für längere Zeit in der Linie Belm, Vehrte und Icker. So schnell der Gletscher vorn schmolz, so schnell schob er neues Eis nach und lagerte mitgeführtes Geröll unterschiedlicher Größe am Rand ab. Aus dem Geschiebe dieser Zeit stammen übrigens auch der Butterstein am Gattberg, aber auch der Süntelstein oder die Findlinge, die in den heimischen Megalithgräbern verbaut worden sind.
Der Verein für Bildung und Kultur in Belm, kurz BiKult, hat mit Unterstützung vieler fleißiger Ehrenamtlicher diesen Steingarten gebaut, die sachkundige Beschilderung erfolgte mit kompetenter Unterstützung der Geologen des Naturparks Osnabrücker Land, TerraVita.
Die Unvergänglichkeit der Steine haben schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt, so werden über viele große Findlinge und Megalithgräber Sagen erzählt. Wir können unsere Fantasie aber auch in die Gegenrichtung, in die Zukunft, schweifen lassen. Vielleicht ergraben eines Tages Archäologen diesen Steingarten und fragen sich, was es wohl damit auf sich hat. War das hier vielleicht ein Kultplatz? Eine unvollendete Baustelle? Oder vielleicht am Ende ein Landeplatz für Ufos?

16Teufels Backofen

Teufels Backofen
Auch wenn die Steine an Backwerkzeug erinnern mögen, markieren sie tatsächlich jahrtausendealte Mehrgenerationengräber.
Wieder einmal trugen sie einen Toten hierher. Schließlich passierten sie die steinerne Pforte des Erdhügels, dessen Inneres von Fackeln beleuchtet war. Alles Leben wurde von der Großen Mutter geboren und musste nach seiner Zeit in ihren Schoß zurückkehren, ein ewiger Kreislauf. Wie schon viele andere vor ihm legten sie den Toten auf den Boden des Steingrabes. Neben ihn stellten sie ein großes Tongefäß mit typischer trichterförmiger Öffnung. Gefüllt war es mit den traditionellen Speisen für die Reise in die andere Welt. Dazu legten sie das Steinbeil, mit dem der Tote vor noch gar nicht langer Zeit die Baumstämme für sein Haus gefällt hatte. In der anderen Welt würde er es wieder brauchen.
Keiner der Umstehenden war hier zum ersten Mal, sie alle hatten schon mehrmals einen der Ihren begleitet, um ihn in die Gemeinschaft der Ahnen zu geben. So war es Tradition, schon immer gewesen. Soweit sie wussten, hatte das Grab ihrer Sippe schon immer hier gestanden: ein zeitloses Tor zwischen den Welten.
Nun war es soweit, sie mussten sich von ihrem Toten verabschieden, den nächsten Teil der Reise würde er alleine, ohne sie weitergehen müssen.
So oder ähnlich wird es hier vor vielen tausend Jahren zugegangen sein, als das vor uns liegende Großsteingrab noch intakt war.
Dass die Menschen vor etwa 5.000 Jahren überhaupt schon in der Lage waren, die riesigen Steinfindlinge zu bewegen, ist erstaunlich genug und zeigt ihr technisches Geschick. Außerdem spricht die Existenz eines solch aufwendigen Grabes für eine arbeitsteilige, vermutlich auch hierarchische Gesellschaftsordnung. Dennoch muss der Bau für die Gemeinschaft eine enorme Kraftanstrengung bedeutet haben. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die Megalithanlagen Mehrgenerationengräber gewesen sind, sonst wäre dieser Aufwand gar nicht zu rechtfertigen gewesen.
Interessanterweise existiert nur 200 m von hier entfernt eine zweite Anlage. Dass beide etwa zur gleichen Zeit von der gleichen Gruppe genutzt wurden, ist als wahrscheinlich anzunehmen. Auch sehr viel später hat man von einem Zusammenhang der beiden wissen wollen. So sprach der Volksmund bei diesem Grab von des „Teufels Backofen“, während das andere als „Teufels Backtrog“ bezeichnet wurde.
Beide Anlagen gehören zum niedersächsischen Abschnitt der „Straße der Megalithkultur“. Sie wird als Kulturweg des Europarates geführt, was der Dimension der Sache angemessen ist. Ist die Megalithkultur doch ein gesamteuropäisches Phänomen.
Bevor Sie jetzt aber in die Ferne schweifen, sehen Sie sich das uralte Grab in aller Ruhe an und atmen Sie seine archaische Atmosphäre. Danach besuchen Sie gerne auch die zweite Anlage, des Teufels Backtrog. Wenn Sie mögen, hören wir uns dort gleich wieder.

17Teufels Backtrog

Teufels Backtrog
Das muss mit dem Teufel zugegangen sein! Wer sonst könnte solch schwere Steine schleppen?
Hier war der Teufel los! Denn das, was Sie da vor sich sehen, ist des Teufels Back- oder Teigtrog! So zumindest haben sich die Leute früher diese Ansammlung von sehr großen und schweren Findlingen erklärt. Warum das Steingrab mit dem Bäckerhandwerk in Verbindung gebracht wurde, erschließt sich aus einer Beschreibung vom Anfang des letzten Jahrhundert: „Die Träger sind an der Außenseite mit Erde bedeckt und bilden mit den aufliegenden Decksteinen eine nach Osten offene Höhlung, die mit einem Backofen einige Ähnlichkeit besitzt.
Offenbar haben sich die Menschen gefragt, wozu sich eine solche Mühe machen und diese furchtbar schweren Steine zusammentragen? Wenn es aber nach etwas aussieht, was möglicherweise zum Backen verwendet wird, dann könnte es doch genau das sein! Aber wer sollte solch gewaltige Backutensilien benutzt haben? Wer könnte solche Steine geschleppt haben? Wenn nicht ein Riese, dann sicher der Teufel! Von anderen Steinen wollte man wissen, dass sie etwas mit dem vorchristlichen Heidentum, also Teufelzeug, zu tun haben, demnach wäre der Bezug zum Teufel eigentlich ganz schlüssig.
Ein Bewusstsein dafür, dass es sich bei diesem Steinensemble um ein Grab handeln könnte, war anscheinend nicht mehr vorhanden. Aber genau das ist es.
Der sog. „Teufels Teigtrog“ ist ein vergleichsweise kleines Großsteingrab mit noch vorhandenen sieben Trag- und drei Decksteinen. Ursprünglich wird es, wie alle Hünengräber, von einem Erdhügel bedeckt gewesen sein. Dazu hatte es eine Umfassung aus kleineren Findlingen, deren Reste Anfang des letzten Jahrhunderts noch vorhanden gewesen sind.
Des „Teufels Backofen“, eine nur 200m entfernte zweite Anlage, stellt die Ergänzung zum Backtrog dar. Der Volksmund hat zwischen beiden einen scheinbar plausiblen Zusammenhang geschaffen. Von anderen dicht beieinander liegenden Großsteingräbern wird erzählt, dass Riesen gemeinsam gebacken hätten, einer der Riesen aber dem anderen misstraute. Deshalb hätte er seinen schweren Backtrog etwas abseits fallen lassen, um schnell zurück beim Ofen zu sein, weil er sehen wollte, was der andere dort trieb. Vielleicht wurde über diese beiden Gräber eine ähnliche Geschichte erzählt, in der sich der Teufel, genau wie beim Süntelstein, tölpelhaft anstellt.
Nehmen Sie sich die Zeit und sehen Sie sich diese uralten Überreste menschlicher Zivilisation in aller Ruhe an, wobei auch Sie vielleicht Ihre Fantasie schweifen lassen. Vergessen Sie darüber aber nicht, auch noch dem Backofen, dem zweiten Grab, einen Besuch abzustatten. Wenn sie mögen, hören wir uns dort gleich wieder.

18Schwarzkreidegrube

Schwarzkreidegrube
Seine Farbe verdankt das Gestein in der Vehrter Schwarzkreidegrube einem Beinahe-Vulkanausbruch.
Aber bitte! Doch nicht alles auf einmal: Dinosaurier, Vulkane, Schuhcreme und der Teufel. Eins nach dem anderen! Also, damit das zumindest klar ist: Mit Schulkreide hat unsere Schwarzkreide natürlich gar nichts zu tun. Die Gemeinsamkeit ist lediglich, dass beides färbt. Das können sie selber feststellen, wenn sie einmal mit den Fingern an dem Gestein entlanggehen. Sehen Sie? Schön schwarz, nicht? Das würde sich sicher gut im Gesicht ihrer Begleitung machen. Finden Sie nicht auch? Aber erst die Arbeit und dann das Vergnügen.
Also, damit Sie´s wissen: Mit dieser Farbe hat man bis in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts alles eingefärbt, was schwarz pigmentiert werden musste, von der Schuhcreme bis zur Wandfarbe. Über 100 Jahre hat man hier dieses Färbemittel abgebaut, das es so auf der Welt nirgendwo sonst gibt. Jetzt glauben Sie sicher: Na, der nimmt den Mund aber ganz schön voll! Aber nein, tut er nicht, denn nur hier bot die Geologie die Voraussetzung dafür.
Es ist eine solche Ewigkeit her, dass Sie und ich uns gar keine echte Vorstellung davon machen können: 170 Millionen Jahre! Es war eine urzeitliche Welt, in der die Dinosaurier gerade erst ihren Siegeszug antraten. Zu dieser Zeit erstreckte sich über weite Teile dessen, was heute Deutschland ist, ein flaches Meer. Auf dessen Grund sammelten sich nach und nach Schichten von abgestorbenem Leben, das meiste davon Plankton, Algen und Bakterien. In dem sauerstoffarmen Milieu zersetzte sich die Biomasse jedoch nicht, sondern bildete einen fauligen Schlamm, der sich über Jahrhunderttausende zu einer mächtigen Schicht auftürmte und schließlich versteinerte. Auch in Süddeutschland gibt es solche Tonsteinvorkommen, die besonders wegen beeindruckender Fossilienfunde, wie z.B. das vollständige Skelett eines Meeresdinosauriers, bekannt sind.
Die Geschichte unserer Tonsteinschicht ist jedoch noch nicht zu Ende. Vor etwa 100 Millionen Jahren entging unsere Gegend knapp einer erderschütternden Katastrophe. Ein gewaltiger Magmapfropfen arbeitete sich durch Risse in den tiefen Gesteinsschichten nach oben. Glücklicherweise war seine Reise 5 km unter der Erdoberfläche beendet und er erkaltete. Ein solches Phänomen nennen Geologen einen Pluton, und da sein Zentrum unter der Stadt Bramsche liegt, heißt er sinnigerweise Bramscher Pluton. Nur um sich einmal seine Ausmaße vor Augen zu führen: Er reicht von der Ems im Westen bis östlich von der Porta Westfalica. Das wäre ein Monstervulkan geworden!
Er selbst muss uns kein Kopfzerbrechen mehr bereiten, aber sein Auftreten blieb nicht ohne Folgen. In unserer Tonsteinschicht wurde durch die Hitze des Magmas ein Großteil des ursprünglich organischen Materials in Kohle verwandelt, daher die Färbung!
Da erodierte Schwarzerde früher manchmal das Wasser des nahegelegenen Baches einfärbte, meinten die Leute, es gehe mit dem Teufel zu. Deswegen hieß er auch zeitweise „Teufelsbach“, passend zu den anderen Hinterlassenschaften des Gottseibeiuns hier in der Umgebung, nämlich dem Teigtrog und Backofen des Teufels oder dem Süntelstein.

19Pfarrkirche St. Dionysius

Pfarrkirche St. Dionysius
Er kam, sah und siegte nicht: Als Zeichen seiner Unterwerfung vor Karl dem Großen soll Widukind sich hier taufen haben lassen.
Die Sage weiß zu berichten, dass in St. Dionysius zu Belm der Sachsenherzog Widukind getauft worden ist. Damit wäre diese Kirche der Schauplatz eines dramatischen und weltgeschichtlich bedeutsamen Ereignisses. Karl der Große war zwar ein rechtschaffener König, ein Mann von Kultur und Förderer christlich-römischer Zivilisation. Aber gleichzeitig hatte er noch etwas von einem germanischen Heerkönig an sich, der seine Herrschaft im Krieg unter Beweis stellen wollte. Ohne provoziert worden zu sein, ließ der Frankenkönig seine schwer gepanzerten Reiterkrieger nach Sachsen vordringen. Ein Akt der Gewalt, dem sich die Angegriffenen mit aller Macht entgegenstellten. Ihr Anführer war Herzog Widukind, ein sächsischer Adeliger, der im Raum zwischen Wildeshausen und Osnabrück seine Güter hatte. Die Franken waren zwar besser bewaffnet und straffer geführt, aber die Sachsen kannten sich im Gelände besser aus und nutzten jede Gelegenheit, den Franken aus dem Hinterhalt schmerzhafte Schläge zu versetzen. Deshalb zog sich dieser Krieg dahin und konnte nicht entschieden werden. Die Sachsen litten mehr und mehr darunter, dass in ihrem Land immer weiter Krieg geführt wurde, und Karl wurde zunehmend von der Sorge getrieben, den Widerstandsgeist der Sachsen niemals brechen zu können. Nach vielen und langen Jahren des Kampfes entschloss sich Widukind schließlich, dem Leiden seiner Leute ein Ende zu setzen. Es wird ihm keineswegs leicht gefallen sein, aber schließlich begab er sich zu Karl und unterwarf sich ihm. Ein entscheidender Punkt bei dieser Unterwerfung war es, den Glauben der siegreichen Franken anzunehmen. Widukind ließ sich also taufen, und der erleichterte König Karl wurde sein Taufpate.
Die Sage erzählt das alles etwas anders, nämlich dass Widukind in seiner Verzweiflung versuchte, sich in das Heerlager der Franken zu schleichen, um Karl den Großen mit seinem Dolch zu töten. Als das Heer der Franken aber einen Abendmahlsgottesdienst feierte, habe Widukind das göttliche Kind über dem Abendmahlskelch schweben sehen. Daraufhin habe er sich zu erkennen gegeben und glaubenden Herzens die Taufe empfangen. Die Sage weiß auch, dass Karl der Große daraufhin Widukinds Wappentier geändert habe. Aus dem ehemals schwarzen Pferd wurde ein weißes Pferd auf rotem Grund.
Niemand weiß genau, ob Belm tatsächlich der Ort des Geschehens gewesen ist. Fakt ist, dass hier schon zu fränkischer Zeit eine Kapelle stand, die an der Wende zum 12. Jhd. durch eine romanische Kirche ersetzt wurde. Der wuchtige Turm ist ein Überrest dieses Baus. Das Kirchenschiff wurde etwa 100 Jahre später noch einmal erneuert. Aus dem 13. Jhd. stammt auch der Taufstein, der in mittelalterlicher Bildervielfalt die Taufe Widukinds zeigt, ein Hinweis darauf, dass zu dieser Zeit die Überlieferung des Geschehens in der Region offenbar noch lebendig war.

20Evangelische Christuskirche

Evangelische Christuskirche
Nach 170 Jahren Gottesdienst-Verbot erlaubte niemand anderes als Napoleon den Belmer Protestanten den Bau einer eigenen Kirche.
Gottesdienst verboten! Zumindest für Protestanten! Im Jahr 1648 wurde Belm zum katholischen Kirchspiel erklärt, und das obwohl annähernd 90 % der Bevölkerung dem lutherischen Glauben angehörte. Das hatte damit zu tun, dass die Bestimmungen des Westfälischen Friedens das Jahr 1624 als Normaljahr vorsahen, dessen Zustand es wiederherzustellen galt, und zu dieser Zeit war Belm offiziell katholisch gewesen.
Wegen der ohnehin schon furchtbar komplizierten Verhandlungen in Münster und Osnabrück zwischen mehr als einem halben Dutzend Kriegsparteien war jede Seite eifersüchtig darauf bedacht, den eigenen Vorteil zu wahren. Infolgedessen gab es kaum einen Spielraum für eine vernünftige Ausnahme im Detail. Für die Lutheraner in Belm bedeutete dies ein striktes Verbot, öffentlich den Gottesdienst zu feiern. Wenn sie dieses Verbot umgehen wollten, mussten sie die Kirche in einer der Nachbargemeinden besuchen.
Dieser unsinnige Zustand hielt immerhin ganze 170 Jahre an. Erst als Napoleon die verkrusteten deutschen Verhältnisse ordentlich durcheinanderwirbelte, ergaben sich neue Möglichkeiten: 1809 erhielt der Osnabrücker Hofprediger Lasius die Erlaubnis des Osnabrücker Bistums, einen regelmäßigen lutherischen Gottesdienst in Belm abzuhalten, aber nur in einem „privatären Schulhause“, wie die Quelle sich ausdrückt. Schon gleich am nächsten Sonntag ergriff Lasius die Gelegenheit beim Schopf und weihte das Schulgebäude zum Bethaus. Das konnte aber nur der Anfang sein. Mitten im Krieg, aus dem brennenden Moskau, erging die Genehmigung des großen Korsen, in Belm eine evangelische Kirche bauen zu dürfen. Das Schreiben war jedoch aufgrund der widrigen Umstände viele Monate lang unterwegs. Als es Belm im Jahr 1814 endlich erreichte, hatte sich inzwischen Weltgeschichtliches ereignet. Napoleon war geschlagen und die Sieger verhandelten auf dem Wiener Kongress über die Neuordnung Europas. Zum Glück für die Belmer kassierte die neue Landesherrschaft aus Hannover die Erlaubnis jedoch nicht sofort wieder ein, sondern genehmigte es sogar, für den Kirchenbau im gesamten alten Fürstbistum Osnabrück Spenden zu sammeln. Schon im Sommer 1815 konnte deshalb der Bau beginnen. Aus Kostengründen war ein Kirchturm eigentlich gar nicht vorgesehen, doch während der Bauphase kündigte sich ein unverhofftes Geschenk aus dem aufgelösten Kloster Marienstätte in Osnabrück an. Der dortige Kirchturm wurde vollständig abgetragen und in Belm wiederaufgebaut.
Auch die Innenausstattung profitierte von großzügigen Spendern. Der wertvolle Altar aus dem 16. Jhd. war dagegen ein glücklicher Kauf. Aufgrund der Säkularisation vieler Klöster war zu dieser Zeit so einiges an klerikalem Inventar auf dem Markt und damit günstig zu haben. Am 20. September 1819 war es dann endlich soweit: Belm hatte seine eigene evangelische Kirche! –
Ach übrigens, noch ein kleiner Hinweis: Wenn Sie sich über den schönen Garten hinter unserer Christuskirche gefreut haben, dann können Sie sich bei der Belmer Integrationwerkstatt bedanken. Die hat ihn nämlich gepachtet und mit ihren Kräften angelegt.

21Belmer Mühle

Belmer Mühle
In ihrer fast 1.200-jährigen Geschichte hatte die Belmer Mühle so einige Besitzer, unter ihnen der englische König Georg III.
Was haben Pollen mit der Belmer Mühle zu tun? So einiges, aber das ist etwas komplizierter zu erklären. Da geht es jedenfalls um Geschichte - und Geschichten, wovon es bei dieser Mühle massenhaft gibt! Hier in Belm lag ein uralter Meyerhof, dessen Wurzeln mindestens stolze 1.200 Jahre zurückreichen. Da unsere Mühle aber just zu diesem Meyerhof gehörte, wäre es möglich, dass sie in etwa genauso alt ist, zumal die fränkischen Eroberer zu dieser Zeit die Nutzung der Wasserkraft nachweislich ins Sachsenland mitgebrachten.
Das alles liegt jedoch tief im Dunkeln der Vergangenheit, so dass man ohne verlässliche Quellen nur Vermutungen anstellen kann. So jedenfalls war es, bis ein findiger Kopf, Dr. Schwaar vom Landesamt für Bodenforschung, eine Pollenanalyse im Boden des Belmer Bruchs durchführte. Und das Ergebnis war erstaunlich: Er konnte nämlich nachweisen, dass im Bereich des Mühlenteiches ein Schilfdickicht den Erlenbruchwald abgelöst hatte – und das vor gut elfhundert Jahren! Damit war das außergewöhnliche Alter unserer Mühle ganz praktisch bewiesen!
Eine schriftliche Erwähnung findet sich dagegen erst 400 Jahre später. In dieser Urkunde geht es um die Abgaben des Mühlenpächters. So hatte er an den Meyer des Hofes drei Schillinge zu entrichten, einen gemästeten Eber und alle drei Jahre einen jungen Hund. Übrigens stand er mit seiner Abgabenlast durchaus nicht alleine da. Die hörigen Bauern der ganzen Umgebung mussten ihre Abgaben hierher auf den Meyerhof in Belm entrichten, der damit eine wichtige Verwaltungseinheit der bischöflichen Grundherrschaft in Osnabrück war.
Aus dem 15. Jhd. hören wir von einem Streit zwischen dem Müller in Belm und seinem Grundherrn, dem Domsenior Johann von Varendorf. Das war ein ziemlich rauer Bursche, der nicht einmal davor zurückschreckte, mit der Waffe in der Hand seine Priesterkollegen im Osnabrücker Dom zu überfallen! Kein Wunder also, dass der Müller sich schließlich davonmachte, um woanders Schutz zu suchen.
Eine nächste Spur finden wir an der Fassade der Mühle, nämlich eine Gedenktafel, die auf die Renovierung der Mühle im Jahr 1555 verweist.
Gut zweihundert Jahre später wurde die Mühle privatisiert. Der Mann der sie verkaufte, saß übrigens in London und war Georg III., König von England. Osnabrück war nämlich inzwischen an das in Britannien regierende Haus Hannover gefallen.
Der heutige Mühlenbau stammt aus der Wende vom 19. zum 20. Jhd. Der Neubau ging einher mit einer gründlichen Modernisierung und einer Umstellung von Wasser- auf Dampfkraft, später auf Motorkraft. Auf diese Weise wurde die Belmer Mühle seinerzeit zur größten und leistungsfähigsten Mühle der ganzen Region Osnabrück.
Seit 1991 ist die Mühle nun in Besitz der Gemeinde Belm. Mit Weitsicht, viel Einsatz und Arbeit aller beteiligten Gruppen ist das historische Ensemble nicht nur erhalten geblieben, sondern hat sich auch zu einem vielfältigen Kultur- und Begegnungszentrum gemausert.

22Schelenburg

Schelenburg
Auferstanden aus Ruinen: Nach einem Brand verhalf der „Meister von Tübingen“ Jörg von Unkair dem Wasserschloss zu neuer Pracht.
Gestatten, Jörg von Unkair werde ich genannt, manche nennen mich auch, gemäß meiner Herkunft, den Meister von Tübingen. Der Herr Heidenreich von Schele hat mich hierher zur Schelenburg gerufen, damit ich seinen Stammsitz wieder zu einem ansehnlichen und würdevollen Äußeren verhelfe. Die Familie des guten Herrn Heidenreich hatte es schwer getroffen, indem große Teile ihrer ehrwürdigen, mittlerweile 400 Jahre alten Burg, abgebrannt sind. Aber andererseits hatten sie noch Glück im Unglück, denn der schöne gotische Wohnturm mit seinen Erkertürmen blieb verschont. Nun ist der Herr von Schele gewillt, das Beste aus der gegenwärtigen Misere zu machen. Er war gut beraten, sich an mich zu wenden, denn ich werde ihm dort auf den Grundmauern der von Brand zerstörten Ruinen etwas Wunderbares bauen, um das ihn wahrlich seine Standesgenossen beneiden werden. Ich werde hiesigen Bruchsandstein nehmen, in Passung zu dem erhaltenen Wohnturm, und dann mit einfachen geometrischen Großformen spielen, um dem Haus Gestalt zu geben. Zieren werde ich es schließlich mit halbkreisförmigen, sogenannten „welschen“ Giebeln, die ich bei meinem Studium der venezianischen Renaissancebaukunst kennen- und schätzen gelernt habe. Kennt Ihr vielleicht die Kirche Santa Maria dei Miracoli? Ach, ein Genuss, sage ich Euch, ein Kunstwerk! Genau so stelle ich mir das hier vor. Das bringt die Macht und die Würde der Besitzer dieses Hauses so richtig zur Geltung! Dazu werde ich noch einige traditionelle gotische Elemente hinzuziehen, um niemanden zu überfordern.
Ich versichere Euch, das Ergebnis wird so überzeugend sein, dass, wenn ich diesen Auftrag vollendet habe, noch eine ganze Reihe weiterer hoher Herren zu mir kommen wird, um sich meiner Dienste zu versichern! Wohlan!
(anderer Sprecher)
Tatsächlich blieb Jörg von Unkair ein durchaus gefragter Mann! Er ist einer der führenden Köpfe gewesen, die die italienische Baukunst der Renaissance adaptierten und nach Norddeutschland brachten. Zwischen 1524 und 1548 baute er u. a. Schloss Neuhaus bei Paderborn, Schloss Stadthagen, Schloss Petershagen und Schloss Detmold, womit er maßgeblich zur Profilierung des neuen Baustils beitrug.
Die Nachfahren des Heidenreich von Schelenburg leben übrigens noch immer in dieser Burg, die als eine der ältesten und schönsten im gesamten Weser-Ems-Raum gilt. Regulär zu besichtigen ist sie leider nicht. Gewisse Räumlichkeiten bekommt man jedoch zu sehen, wenn man auf Schloss Schelenburg an einer Aufführung des DinnerAct Theaters teilnimmt, während der man einerseits fürstlich speist, andererseits Teil einer Kriminalaufführung wird.

23Großsteingrab Jeggen

Großsteingrab Jeggen
So viele Steine für ein Grab zusammenzutragen, zeugt von einem enormen Aufwand – und einer buchstäblich starken Gemeinschaft.
Die riesigen Findlinge liegen dort, als gehörten sie einfach hierher: Die großen alten Bäume, die zwischen ihnen wachsen, verstärken noch diesen Eindruck. Alles das scheint ganz selbstverständlich Teil der Landschaft zu sein. Und dennoch liegt etwas Magisches über diesem Ort, denn dass diese Steine nicht von alleine zueinander gefunden haben, ist völlig fraglos. Es steckt also eine Absicht hinter dieser Ansammlung, ein gestaltender Wille.
Dass es sich bei diesen Bauten um Gräber handelt, ist landläufig nie vergessen worden. „Hünengräber“ nannte man sie gerne, da man annahm, dass nur Hünen, also Riesen, diese mächtigen Steine bewegt haben könnten.
Wir sprechen heute von Megalithanlagen, wobei der Begriff aus dem Griechischen kommt: „mega“ heißt nichts anderes als „groß“ und „lithos“ ist der Stein.
Unsere Vorfahren vor mindestens 5000 Jahren setzten diese vielen äußerst schweren Findlinge zu einer mächtigen Anlage aus Trägersteinen und abschließenden Decksteinen zusammen. Die Lücken wurden vermauert und dann ein Erdhügel darüber aufgeworfen.
Der Bau der Großsteingräber war an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Die Gruppe, die sich ein solches Großsteingrab baute, musste ein festgefügter sozialer Verband sein, der in der Nähe seinen Wohnsitz hatte. Das bedeutet aber auch, dass die Zeit des Nomadentums für diese Menschen vorüber war, sie waren sesshafte Bauern geworden.
Auch muss ein sehr deutlich ausgeprägtes Bedürfnis vorhanden gewesen sein, sich einen solchen gemeinschaftlichen Kult- und Gedächtnisort zu schaffen, denn der Aufwand muss angesichts der technischen Möglichkeiten enorm gewesen sein.
Archäologen haben einmal ausprobiert, wie viele Menschen es braucht, um einen 32 Tonnen schweren Steinblock zu ziehen und aufzurichten. Das waren immerhin 200, allesamt erwachsen, kräftig und gesund. Zugegeben, die Steine des Großsteingrabs Jeggen sind keine Riesenfindlinge dieses Kalibers, aber einige Tonnen bringen sie trotzdem auf die Waage, außerdem sind es ziemlich viele!
Wie man sie hierher transportiert haben könnte, zeigt die Skulptur, die hier auf dem Gelände steht. Wie man sie allerdings aufeinandergestapelt hat, ist noch ein ganz anderes Problem!
Ein kollektiver Kultplatz wie dieser schweißte die Gruppe sicherlich zusammen und bestimmte über viele Generationen die gemeinsame Identität. Man wusste, dass man zu derjenigen Gruppe gehört, die genau hier ihre Toten begräbt. Das wird gleichzeitig auch zur Abgrenzung gegenüber den Nachbargruppen gedient haben und zur Behauptung des eigenen Territoriums.
Man weiß inzwischen auch, dass die meisten dieser Kultplätze nicht in Sichtweite der Siedlungen lagen. Offenbar hatte man doch Respekt, wenn nicht sogar Angst vor den Toten, auch wenn sie wahrscheinlich als Ahnen verehrt wurden. Eine vage Erinnerung daran, dass man mit schweren Steinen verhindert, dass die Toten zu Wiedergängern werden, zeigt sich gewissermaßen noch heute, auf unseren eigenen Friedhöfen. Ganz selbstverständlich stehen sie voller, bisweilen großer, Steine.

24Sonnensee

Sonnensee
Bevor der Sonnensee in heutigem Glanz erstrahlte, mussten erst einmal alle Fische umgesiedelt und das Wasser entschlammt werden.
Der Sonnensee hat sich als Naherholungsgebiet über die Grenzen Bissendorfs hinaus einen Namen gemacht. Neben dem Spaziergehen auf schöner, naturnaher Strecke, ist mittlerweile am See eine ganze Reihe von zusätzlichen Möglichkeiten geschaffen worden, frische Luft, Bewegung und Spaß miteinander zu verbinden. Ein ganzer Mehrgenerationenpark mit ganz unterschiedlichen Stationen ist hier entstanden, z.B. eine Boulebahn, ein Barfußpfad, Geräte gerade auch für ältere Menschen, an denen Hände und Rücken massiert werden, dazu ein Karussell und Balancierplattformen für Kinder.
Der mitten in Bissendorf liegende See mit dem sonnigen Namen war 1967 künstlich angelegt worden. Man hatte sich einiges davon versprochen, denn ein Bissendorfer Unternehmer plante mit dem See und auf dem ganzen umliegenden Gelände ein großes Freizeitzentrum. Aber außer einem Campingplatz ist aus den hochfahrenen Plänen nichts geworden.
Als Ende der 90er-Jahre die Betreiberin des Campingplatzes aufgab, wurde der Fischereiverein Melle Nachfolger als Pächter des Geländes. Aber bevor man hier auch nur an gepflegte Fischerei denken konnte, musste erst einmal richtig aufgeräumt werden. Auf dem Gelände hatte sich z.B. eine ganze Menge Müll angesammelt, der zunächst einmal entsorgt werden wollte. Aber noch viel entscheidender war, dass das Seewasser mittlerweile ziemlich trübe und wenig vertrauenserregend aussah. Da gab es nur eines: Das Gewässer musste gründlich entschlammt werden. Und das bedeutete einen riesigen Aufwand, denn dafür musste nichts weniger getan werden, als den gesamten Sonnensee einmal völlig trockenzulegen. Die erste Sorge galt zunächst den Fischen. Damit sie nicht alle bei der Aktion starben, holte der Fischereiverein sie vorher heraus und siedelte sie um. Nachdem dann das Wasser abgelassen worden war, rückte der Bagger an, und der hatte mehr als ordentlich tun. Schließlich wurden nicht weniger als 1.700 Lastwagenladungen Schlamm abtransportiert!
Um eine erneute Verschlammung zu verhindern, wurde am südlichen Ufer ein Sandfang angelegt. Danach wurde das Becken wieder geflutet und schließlich mit Fischen neu besiedelt. Der Fischbestand des Sonnensees ist heute durchaus bemerkenswert und umfasst unter anderem Aale, Barsche, Hechte und Forellen.
Am Sonnensee kommen jedoch auch Vogelfreunde auf ihre Kosten, denn die Insel mitten im See ist ein regelrechtes Vogelparadies. Der seltene Eisvogel wird hier regelmäßig gesichtet, ebenso Fischadler, Kormorane und Haubentaucher. Auch hat die nicht einheimische Kanadagans den Sonnensee als Revier für sich entdeckt. Was soll man sagen: Dieser Vogel hat halt Geschmack!

25Rathaus Bissendorf

Rathaus Bissendorf
Modern und doch ein Traditionsbau: Vorbild für das Bissendorfer Rathaus war das niederdeutsche Hallenhaus, ein typisch norddeutsches Bauernhaus.
Das niederdeutsche Hallenhaus ist jahrhundertelang überall in den ländlichen Räumen Norddeutschlands gebaut worden. In Bissendorf steht mittlerweile eine Reminiszenz an das Hallenhaus, in dem kein Bauer mehr mit seinem Vieh lebt, sondern wo der Gemeinderat zusammenkommt.
Im Jahr 2013 hatte ein Wettbewerb zum Neubau des Rathauses für die Gemeinde Bissendorf stattgefunden. Der Gewinnerentwurf sah ein Ensemble aus einem Verwaltungsriegel und dem Bürgersaal in Form eines traditionellen Hallenhauses mit markantem Satteldach vor. Ein zwölf Meter hoher, stützenfreier Raum im Inneren sollte nicht nur für Ratssitzungen, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden können.
Verwirklicht steht der Entwurf heute in Nachbarschaft zu seinen historischen Vorgängern am Bissendorfer Kirchplatz. Allerdings hebt er sich von ihnen schon rein äußerlich ab, da er statt in Fachwerkweise in Stahlbeton konstruiert und hell verklinkert ist. Allerdings hat man darauf geachtet, dass das Verblendmauerwerk mit den Farben und Materialien der Nachbarschaft korrespondiert, sodass sich das neue Ensemble gut in das Ortsbild einfügt.Als rundherum gelungen wurde der Bau 2016 für den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur nominiert.
Das historische Vorbild des Bürgersaals ist das traditionelle niederdeutsche Hallenhaus. Es gilt als das norddeutsche Bauernhaus schlechthin und ist auch für Bissendorf der maßgebliche Haustypus gewesen. Obwohl es auch als „Niedersachsenhaus“ bezeichnet wird, erstreckt sich seine Verbreitung weit darüber hinaus. Es ist von der niederländischen Nordseeküste bis zur Danziger Bucht und vom südlichen Westfalen bis nach Schleswig-Holstein zu finden.
Der Innenraum des Hauses bestand gleichsam aus nur einer großen Halle, zu deren Seiten rechts und links die Ställe untergebracht waren. Am Kopf des Raumes war die Feuerstelle, um die herum sich das eigentliche Wohngeschehen abspielte. Alle Hauptbereiche bäuerlichen Wirtschaftens waren also hier in einem Raum vereint, so dass der Bauer alles, was ihm lieb und teuer war, unter seinem Dach beaufsichtigen konnte. Außerdem strahlten die Tiere im Winter Körperwärme ab, was der Innentemperatur des Hauses zugutekam.
Während des 19. Jhd. veränderte sich schließlich die Landwirtschaft, aber auch die Vorlieben des Wohnens, womit die Blütezeit des niederdeutschen Hallenhauses vorüber war. Vielleicht bekommt es aber durch moderne Anstöße wie die in Bissendorf eine neue Renaissance. Wer weiß?

26Holter Kirche St. Urban

Holter Kirche St. Urban
Errichtet wurde die mehrfach umgebaute Kirche einst von den Holter Rittern. Noch heute schmückt das Altarkreuz aus dieser Zeit den Innenraum.
Das erste, was Ihnen sicher aufgefallen sein wird, das ist die wunderschöne alte Siedlung, in deren Mitte der Kirchplatz mit seinen insgesamt 24 Linden steht. Der Bestand des uralten Kirchdorfes Holte ist heute noch vielfältig erhalten und steht entsprechend unter Denkmalschutz.
Kern der Siedlung ist der Meyerhof zu Holte gewesen, dessen Verwalter sich schließlich in den Stand von Rittern erhoben und auf dem Holter Berg ihre Burg errichteten. Von dort aus haben sie vermutlich im frühen 12. Jhd. diese Kirche gegründet, die dem Hl. Urban geweiht ist. Der Pfarrer lebte wohl zunächst auf der Burg und wurde dort auch verköstigt, vielleicht war er auch zuständig für die dortige Burgkapelle. Allerdings war dieses sichere Auskommen ein recht kurzes Glück, denn nur wenige Jahre später waren die Ritter von Holte beim Bischof von Osnabrück in Ungnade gefallen und ihre Burg wurde nach Eroberung geschleift. Später erhielt der Pfarrer ein Pfarrhaus im Dorf mit einem Stück Land dabei, damit er sich mit einer kleinen Landwirtschaft ein Zubrot verdienen konnte.
Mit dem Bau einer eigenen Kirche, die die Ritter von Holte auch gleich mit einer eigenen Pfarre ausstatteten, schied Holte aus dem Kirchspiel Bissendorf aus, d.h. der Pfarrer von Bissendorf war für die Holter nun nicht mehr zuständig und konnte von ihnen auch keinen Beitrag mehr für seinen Lebensunterhalt erwarten. Der Begriff Kirchspiel hat übrigens nichts mit „Spielen“ zu tun, sondern kommt vom Althochdeutschen „spel“, was soviel wie Rede bedeutet. Das heißt, das Kirchspiel war der Bereich, in dem ein bestimmter Pfarrer seinem Predigtamt nachging.
Von der alten Kirche aus dem 12 Jhd. ist nur noch der gedrungene romanische Turm übriggeblieben, der Rest wurde mehrfach umgebaut und renoviert. Die grundlegendste Veränderung fand dabei um 1770 statt, als das Kirchenschiff neu errichtet wurde. Im Jahr 2000 erhielt die Kirche durch eine umfassende Renovierung ihr heutiges Aussehen.
Das Bedeutendste an Inventar ist sicher das uralte Altarkreuz, das die Kirche schon zu Zeiten der Holter Ritter geschmückt hat. Zu sehen sind auch einige ausgesprochen kunstvolle Grabplatten. Eine Besonderheit ist die Glocke, die zu jeder vollen Stunde schlägt. Sie ist inzwischen über 600 Jahre alt und gehört damit zu den ältesten Glocken im gesamten Osnabrücker Raum.
Wegen der idyllischen Lage und ihrer angenehmen Atmosphäre wird St. Urban übrigens gerne auch von Brautpaaren als Traukirche genutzt, auch von solchen, die nicht zur örtlichen evangelischen Gemeinde gehören.

27Holter Burg

Holter Burg
Von der Burg stehen heute nur noch die Grundmauern, aber irgendwo in einem Brunnen sollen die Burgherren eine Tischplatte mit einem Diamanten versteckt haben.
Ihr wollt wissen, was es mit dieser Burgruine auf sich hat? Davon weiß ich von einer alten Bauersfrau, die mir mit einem seltsamen Lächeln versicherte, dass sie alles, was sie mir erzählte, selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe! Die Meyer von Holte hatten unten im Dorf einen großen Hof, dort sammelten sie für ihren Herrn die Abgaben der Bauern ein und teilten die Hand- und Spanndienste zu. Da sie sehr erfolgreich in dem waren, was sie taten, erhoben sie sich bald über die anderen ihres Standes. So bauten sie etwas abseits ihres Hauses eine Befestigung, ob aus eigenem Antrieb oder im Auftrag, um für die Sicherheit der eingesammelten Abgaben zu sorgen, weiß niemand mehr zu sagen. Als dann das ganze Land der Sachsen in Aufruhr war wegen des Krieges, den Kaiser Heinrich IV. gegen sie führte, errichteten die Herren von Holte eine noch sicherere Heimstadt, und zwar hier auf dem Holter Berg. Eine kreisrunde Burg ließen sie errichten, gesichert durch einen hohen Wall und einen zusätzlichen Graben nach drei Seiten hin, zur vierten fiel der Berg steil ab. Neben dem Burgtor war eine Kapelle, dem gegenüber der Palas und mitten in der Anlage ein uneinnehmbarer, mächtiger runder Turm.
Inzwischen waren die Leute aus dem Ort nicht mehr gut auf die Herren von Holte zu sprechen. Viel zu weit enthoben hatten sie sich, zudem verließen sie sich mehr und mehr auf ihr Waffenglück und ihre feste Burg als auf ein ehrliches Tagewerk. Schließlich galt ihnen ihr Schwert mehr als alles Recht. Der Bischof von Osnabrück wollte das nicht länger dulden und zog mit großer Macht vor die Burg. Doch ausrichten konnte er hier nichts. Viel zu stark war die Burg befestigt, um sie im Sturm zu nehmen. Deshalb beschloss der Bischof die von Holte auszuhungern.
Lange Zeit ging darüber ins Land, ganze sieben Jahre lagerten die Truppen des Bischofs vor den Toren, und noch immer hatten die Verteidiger nicht aufgegeben. Ihr Geheimnis war nämlich, dass durch einen unterirdischen Gang täglich eine Bauersfrau kam und sie mit Brot, Wurst und Speck versorgte. Die Ritter von Holte bezahlten die Frau mit klingender Münze, deswegen kam sie jeden Tag wieder. Nach sieben Jahren waren jedoch die Schatzkisten der Raubritter leer, und unbezahlt musste die Bauersfrau wieder ihres Weges gehen. Das aber ließ sie sich nicht lang gefallen. Eines Tages ging sie in das Lager der Bischöflichen und verriet ihnen den Geheimgang. Als darauf die Bischöflichen in die Burg eindrangen, hatten die Verteidiger keine Chance mehr. Bevor die Ritter von Holte flohen, wollten sie jedoch noch einen Teil ihres Reichtums retten und versenkten eine Tischplatte, in die ein großer strahlender Diamant eingearbeitet war, im Brunnen.
Der Bischof ließ die Burg derer von Holte bis auf die Grundmauern schleifen, damit sie es nie wieder wagen würden, sich ihm zu widersetzen. Den Meyerhof hingegen ließ er ihnen.
Einige Zeit später versuchten in der Nacht einige Bauern, die von dem Schatz in dem Brunnen erfahren hatten, die Tischplatte mit dem Diamanten zu heben. Schon hatten sie ihn fast bis an den Rand des Brunnens gezogen, da ging die Sonne auf und ihre Strahlen verfingen sich so hell in dem Diamanten, dass die Bauern erschraken und die Tischplatte zurück in die Tiefe fiel. Dort soll sie auch heute noch liegen und auf einen glücklichen Finder warten.
Die Herren von Holte zeigten sich nach ihrer Niederlage geläutert. Die Nachfahren der Raubritter stifteten auf ihrem Gelände ein Kloster und der letzte Vertreter ihres Geschlechts ergriff schließlich selbst ein geistliches Amt. So ist es denn ausgestorben, das Haus derer zu Holte, und niemand klagt mehr über den Verlust dieser Burg, von der nur noch die Grundmauern stehen.

28Gedenkstein Hohe Linde

Gedenkstein Hohe Linde
Was heute der Gerichtssaal, war früher die Linde: Unter dieser sollen bereits im 12. Jahrhundert die Grafen von Ravensberg Recht gesprochen haben.
Im Mittelalter saß man in aller Regel im Schutz eines Baumes zu Gericht, meistens unter einer Linde. Sie vereint eine ganze Reihe von Vorzügen. Sie wächst z.B. recht schnell, hat einen hohen und dichten Wuchs und sie wird sehr alt. Darüber hinaus wurden ihr magische Kräfte zugeschrieben, so galt es als sicher, dass sie vor einem Blitzschlag schützt.
Die Hohe Linde nördlich des Klosters Oesede war ein solcher Gerichtsplatz. Beurkundet ist, dass die Grafen von Ravensberg im 12. Jhd. hier einen Freistuhl, also einen regelmäßig genutzten Gerichtort, unterhielten.
Später wurde die Hohe Linde häufig als Versammlungsplatz der Landstände benutzt, einer Vertretung der Stadt Osnabrück, der Ritter des Osnabrücker Landes und des Klerus. Und auch wenn der Bischof der Landesherr war, musste er doch mit den Landständen das Einvernehmen suchen, wollte er nicht gehörigen Ärger auf sich ziehen. Das machtvollste Mittel der Landstände war dabei sicherlich das Recht zur Steuerbewilligung.
Es gibt eine ganze Reihe von Akten aus dem 16. und 17. Jhd., die deutlich machen, wie wichtig die Hohe Linde für das alte Fürstbistum Osnabrück gewesen ist, da sich die Landstände immer wieder hier treffen. Regulär tagte man unter dem freien Himmel, allerdings gibt es auch Aufzeichnungen darüber, dass man bei allzu schlechtem Wetter schon einmal in die Räumlichkeiten des Klosters wechselte.
Viele Sitzungen werden wenig spektakulär gewesen sein, aber es gab auch dramatische und hochbedeutsame Sitzungen.
So musste hier 1548 Franz v. Waldeck, der mächtige Fürstbischof von Münster und Osnabrück, auf Druck der Landstände öffentlich der Reformation abschwören. Damit war seine Politik, die alten Bistümer in ein vererbbares Herzogtum umzuwandeln, endgültig gescheitert.
Gut hundert Jahre später, im Jahre 1649, fanden hier die Verhandlungen über den sog. „Schwedenschatz“ statt. Es ging dabei um eine Ablösesumme, die der schwedischen Besatzung zu zahlen war, bevor sie das Land endgültig verließ. Natürlich hatten die Einwohner des Osnabrücker Landes gründlichst die Nase voll von all den Soldaten, die sie über den Dreißigjährigen Krieg hinweg immer wieder ausgeplündert und gequält hatten. Daher war es für sie das größte Bestreben, die schwedische Soldateska so schnell wie nur irgend möglich loszuwerden, was dann auch mit Überredungskunst und blanker Münze gelang.
Heute steht ein Gedenkstein an der Hohen Linde, der aus dem 17., vielleicht 18. Jahrhundert stammt. Er wird im Volksmund „Friedensstein“ oder „Klosterstein“ genannt. Auf der einen Seite zeigt er eine Kreuzigungsszene und auf der anderen die Gottesmutter und Johannes den Täufer – die beiden Schutzpatrone des Klosters Oesede.

29Waldbühne Kloster Oesede

Waldbühne Kloster Oesede
Was für ein Theater: Die Freilichtbühne im Grünen entwickelte sich dank ehrenamtlichen Engagements zu einer der erfolgreichsten Amateurbühnen Deutschlands.
Die Waldbühne in Kloster Oesede ist ein wirklich ganz besonderes Theater, denn es gründet sich auf das enorme Engagement von mittlerweile 250 Ehrenamtlichen, die im Waldbühnenverein gemeinsam und mit viel Herzblut wirklich Erstaunliches auf die Beine stellen.
Der gesamte Spielbetrieb der Waldbühne Kloster Oesede wird von dem Verein organisiert: Von der Regie und der Produktionsleitung, über die Bühnenarbeit der Darsteller und Musiker bis zu den vielfältigen Vorbereitungen durch Bühnenbau, Kostümherstellung, Maske, Technik und vieles mehr. Dazu kommen noch die vielen Helferinnen und Helfer, die für einen reibungslosen Ablauf vor und während der Aufführungen sorgen.
Über den Sommer hinweg spielt sich für viele Vereinsmitglieder ein Großteil der Freizeit auf oder hinter der Bühne ab. Nach der Saison ist jedoch immer auch vor der Saison, deshalb freuen sich alle schon darauf, wenn im November die Vorbereitungen für den kommenden Sommer wieder beginnen. An der Freude und Tatkraft der Beteiligten merkt man: Die Waldbühne ist ein besonderer Ort, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihren gemeinsamen Mittelpunkt finden.
Der Waldbühnenverein und die Stadt betreiben seit vielen Jahren die Bühne gemeinsam, die inzwischen jährlich über dreißig Veranstaltungstermine anbietet und mehr als 25.000 Besucher anlockt, d.h. im Schnitt fast 1.000 Zuschauer pro Aufführung. Kloster Oesede hat damit eine der besucherstärksten Amateurfreilichtbühnen in ganz Deutschland.
Dieser Erfolg ist aber nicht vom Himmel gefallen, sondern ist die Frucht langfristiger harter Arbeit. Die Zuschauer kommen hierher, weil sich die Bühne über Jahre hinweg den Ruf erarbeitet hat, auf sehr professionelle Art interessante Inszenierungen und gute Unterhaltung zu bieten.
Dass die Waldbühne einmal ein solch erfolgreiches Projekt werden würde, war zu Zeiten ihrer Gründung nicht absehbar.
1951 wurde die Waldbühne in Kloster Oesede in einer natürlichen Senke gebaut. Unterstützung erhielt die Gemeinde dabei von Gruppen aus der katholischen Kirche, aber auch von Jugendlichen, die im Rahmen von internationalen Jugendcamps nach Kloster Oesede kamen.
Der Landkreis forcierte und finanziell unterstützte 1957 den Ausbau mit einer erweiterten Zuschauertribüne und Gebäuden für Regie und Platzwart. Nach Jahrzehnten des Theaterbetriebes und zeitweilig eines Popfestivals, versank die Waldbühne für einige Jahre in einen Dornröschenschlaf.
Seit 1988 wird hier jedoch wieder ohne Unterbrechung Theater gespielt, seit 2003 unter Ägide des Waldbühnenvereines. So hat sich schließlich die Waldbühne als Kulturort mit besonderer Atmosphäre etabliert.

30Marktplatz Kloster Oesede

Marktplatz Kloster Oesede
1962 baute sich Kloster Oesede diesen zentralen Treffpunkt – inklusive Rathaus, das mit der Gründung Georgsmarienhüttes wenige Jahre später überflüssig wurde.
(Radio-, Störgeräusche, Sendersuche, dann im Stil einer 60er Jahre Reportage:) Die Gestaltung des Marktplatzes in Kloster Oesede geht darauf hinaus, für die Gemeinde einen repräsentativen Mittelpunkt zu schaffen. Die Lösung, die gefunden wurde, ist dem Rat manchmal nicht leicht gefallen. Auch die Bürger zeigten ein reges Interesse, und zuweilen galt es, entstandene Wogen von Meinungen und Stimmungen zu glätten. Inzwischen aber ist es nicht nur gelungen, einen endgültigen Plan aufzustellen, sondern mit dessen Verwirklichung hat man bereits begonnen. Das Marktplatzgelände in Kloster Oesede ist gegenwärtig beherrscht von Bauarbeiten. Es wird erwartet, dass im Herbst nächsten Jahres der gesamte Komplex fertiggestellt ist.
(Radio-, Störgeräusche)
So war der Stand der Dinge 1962, als die Gemeinde Kloster Oesede entschieden hatte, sich ein eigenes Zentrum mit einem öffentlichen Platz zu geben, auf dem z.B. auch eine Kirmes stattfinden könnte. Vor Ort war hier bislang nur ein verschlafener eichenbewachsener Grund gewesen, nun hielt die neue Urbanität Einzug. Eine Reihe von zweigeschossigen Geschäftshäusern wurde gebaut, dazu ein Rathaus, in das gleichzeitig die Kreissparkasse einzog. Der damalige Sparkassendirektor Aach sprach sogar von einer Ehe zwischen Sparkasse und Gemeinde. Diese hielt allerdings nicht ganz lange, denn die Gemeinde wurde gewissermaßen untreu. Aber aus gutem Grund: 1970 beschlossen fünf umliegende Gemeinden und Kloster Oesede, sich zur Stadt Georgsmarienhütte zusammenzutun. Damit entfiel hier am Marktplatz die Präsenz in einem eigenen Rathaus, so dass die Sparkasse in dem Gebäude zunächst allein verbleib, bis sie sich neue Mitbewohner suchte.
Eine Besonderheit am Rande des Platzes ist die Klause als öffentlicher Andachtsraum. Sie geht zurück auf die Stiftung eines Bauern zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Überdies ist sie eine der Stationen der Jakobiprozession. Diese geht darauf zurück, dass in der Nacht auf Jakobi, den 25. Juli des Jahres 1703, Diebe das legendenumrankte Gnadenbild der Maria im Kindbett aus dem Kloster gestohlen hatten. An der Nordmauer des Klosters, beim heutigen Edith-Stein-Haus, war es jedoch wiedergefunden worden. Daher wird aus Dankbarkeit noch heute alljährlich die Jakobiprozession unternommen.

31Klosterpforte

Klosterpforte
Die Klosterpforte war damals der einzige Zugang zum alten Kloster Oesede. Heute ist sie für viele Paare das Tor in die Ehe.
Die Erde dröhnt. Jeder fühlt es mit, wie die schweren Geschosse die Grabenbrüstungen wegreißen, wie sie die Böschungen durchwühlen und die obersten Betonköpfe zerfetzen. Wir merken den dumpfen Schlag, der dem Prankenhieb eines fauchenden Raubtiers gleicht, wenn der Schuss im Graben sitzt. Die Nacht ist ein Brüllen und Blitzen. Wir sehen uns bei dem sekundenlangen Licht an und schütteln mit bleichen Gesichtern und gepressten Lippen die Köpfe.
So beschreibt Erich Maria Remarque das Kriegsgeschehen während des 1. Weltkriegs. Das ist kein Krieg mehr, der mit nur einer Schlacht entschieden ist, kein Krieg mehr, der nur ein paar Monate dauert und vielleicht 10.000 Unglückliche das Leben kostet. Dieser Krieg frisst Millionen um Millionen von Menschenleben und hat sich selbst das Leben derer unterworfen, die nicht an der Front stehen. Die Moderne ist in ihrer Totalität auch im Krieg angekommen.
Sicher ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Zeit die katholische Bevölkerung des Osnabrücker Landes den Entschluss fasst, ein Kloster stiften zu wollen, und zwar für den Franziskanerorden, der allein schon durch das Vorbild des Heiligen Franziskus für die bedingungslose Liebe zu allen Mitgeschöpfen steht.
Schon 1918 kommen die ersten Franziskaner nach Ohrbeck. Zunächst kommen sie in Provisorien unter, bis 1926 die Klosterbauten bezugsfertig sind. Drei Jahre später ist auch die dem Heiligen Antonius von Padua geweihte Kirche fertiggestellt. Sie ist ein beeindruckender runder Kuppelbau im Stil des Neobarock. Ihr Vorbild ist die Kirche Sant‘ Agnese in Agone an der berühmten Piazza Navona in Rom.
Doch die Franziskaner konnten in ihren neuen Gegebenheiten nur für kurze Zeit ihrer Arbeit ungestört nachgehen. Den Nazis waren die friedliebenden Brüder ein Dorn im Auge. Daher beschlagnahmten sie das Kloster 1941 und legten ein Jahr später ein Notkrankenhaus in das Exerzitienhaus.
Erst nach dem 2. Weltkrieg konnten die Franziskaner in ihr Kloster zurückkehren. Seitdem leben und arbeiten sie hier ohne weiteren Eingriff von außen.
Ein wichtiges Aufgabengebiet der Brüder ist heute die Seelsorge in der Pfarrgemeinschaft Georgsmarienhütte West, ein anderes ist das dem Kloster angegliederte Bildungshaus Ohrbeck, das seit 1974 als katholische Erwachsenenbildungsstätte und Heimvolkshochschule des Landes Niedersachsen fungiert.

32Klosterkirche St. Johannes

Klosterkirche St. Johannes
Die Kirche ist eines der wenigen noch bestehenden Gebäude des alten Klosters Oesede und Heimat des legendenumrankten Gnadesbildes der Maria im Kindbett.
Hier hatten einmal Frauen das Sagen! Genauer gesagt, waren es Benediktinerinnen, die hier das Kloster bewohnten, das dem Kirchdorf Kloster Oesede seinen Namen gab. Das Kloster war im 12. Jahrhunderts von Graf Ludolf von Oesede und seiner Frau Thedela gestiftet worden. Der Graf stellte dafür seine Stammburg zur Verfügung, denn er hatte keinen männlichen Erben. In dem Kloster sollten die Töchter des Grafen, die unverheiratet blieben, eine sichere Heimstatt finden. Goda wurde die erste Priorin, ihre Schwester Regenwita Küsterin.
Die Benediktinerinnen verstanden es zu wirtschaften, deshalb häuften sie im Laufe der Jahrhunderte einen stattlichen Klosterbesitz an. Vom 16. bis 18. Jahrhundert betrieb das Kloster sogar Steinkohleabbau.
Auch widmeten sich die Oeseder Benediktinerinnen der Wohlfahrt. Sie versorgten notleidende Einwohner des Kirchspiels mit Nahrung. Die Armen erreichten den Eingang zur Klosterküche über die so genannte Hungertreppe.
1803 wurde das Kloster wie viele andere durch den von Frankreich erzwungenen Säkularisierungsbeschluss aufgelassen. Den letzten Nonnen wurde eine jährliche Pensionszahlung zugesagt. Alles Klosterinventar wurde verkauft, außer der Ausstattung der Klosterkirche St. Johannes, die zur örtlichen Gemeindekirche wurde. Das Klostergebäude und die dem Orden gehörenden Ländereien gingen völlig in staatlichen Besitz über, bis sie schließlich von der Bauerschaft Kloster Oesede gekauft wurde.
Neben der alten St. Johanneskirche und dem Konvent vom Ende des 18. Jahrhunders ist von dem Baubestand des Klosters nur noch die Klosterpforte übriggeblieben. Dieses 1704 erbaute Torhaus war der einzige Zugang zum Kloster. Nach der Auflassung der Abtei ist die Klosterpforte insbesondere als Wohnhaus benutzt worden. Hier lebte Anfang des 20. Jahrhunderts z.B. der Schriftsteller Arthur Gläser. Unter seinem Pseudonym Albrecht Hömer veröffentliche er seinerzeit z.B. den sehr erfolgreichen Roman „Der Wind vor Tag“. Heute ist er allerdings fast nur noch dem Fachpublikum bekannt.
Nachdem das Gebäude einige Jahre leer gestanden hatte, wurde 1988 der Förderverein zur Erhaltung der Klosterpforte gegründet. Dieser bewältigte mit viel Aufwand und tatkräftiger Hilfe des Heimatvereins die dringend notwendige grundlegende Sanierung.
Durch diesen Einsatz ist ein wesentliches Stück der Klostergeschichte erhalten geblieben und schmückt nun weiterhin das Ortsbild.
Heute nutzen insbesondere der Heimatverein Kloster Oesede und der Heimatbund die Räumlichkeiten der Klosterpforte. Auch werden sie immer wieder durch Ausstellungen oder diverse Veranstaltungen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Seit einigen Jahren kann man sich auch in der romantischen Atmosphäre der alten Klosterpforte trauen lassen.

33Ölmühle

Ölmühle
Tüchtige Geschäftsfrauen waren im Mittelalter die Benediktinerinnen: Sie verwalteten unter anderem die Ölmühle, in der aus Flachs Öl und Leinen gewonnen wurden.
Die Damen des Benediktinerinnenklosters waren tüchtige Frauen, die etwas vom Wirtschaften verstanden. Sie trieben als Grundherrschaft des Kirchdorfes Oesede und weiterer Ländereien nicht nur die Abgaben ein, sondern sie wurden durch unterschiedliche wirtschaftliche Aktivitäten regelrechte Unternehmer.
Einer ihrer Betriebe war die alte Ölmühle in Kloster Oesede. Die Mühle, in der aus den Samen der heimischen Flachspflanze Öl gewonnen wurde, war eine Wassermühle. Das war bis in die Neuzeit hinein die gängige Art, wie die Menschen in unseren Breiten die Kräfte der Natur für sich in den Dienst nahmen. Die technisch noch aufwendigere Windmühle setzte sich erst später durch.
Um die Kraft des Wassers möglichst optimal nutzen zu können, wurde auch hier an der Ölmühle das Fließgewässer, nämlich der Schlochterbach, aufgestaut, um einerseits die Fallhöhe zu vergrößern und damit die Kraft des Wassers zu erhöhen. Andererseits erhielt man damit gleichzeitig ein Wasserreservoir, das verhinderte, dass in Trockenzeiten, in denen der Bach weniger Wasser führte, die Mühle nicht einsatzfähig war. Ein Überrest dieses Mühlenteiches sind die heutigen Fischteiche, ein Stück südlich von hier.
In der Ölmühle war zusätzlich eine Bokemühle untergebracht, die eine weitere Möglichkeit eröffnete, den Flachs zu verarbeiten. Mit vier großen Stampfern wurden hier die Flachsstängel zerschlagen, damit man aus ihren Fasern schließlich Leinen spinnen konnte.
Die Flachspflanze war im gesamten südlichen Osnabrücker Land weit verbreitet, da sie auf den hiesigen Sand- und Lehmböden besonders gut gedieh. Insofern war es für die Ordensschwestern vom Kloster Oesede eine Frage wirtschaftlicher Klugheit, diese flachsverarbeitende Mühle zu bewirtschaften.
Natürlich darf man sich nicht vorstellen, dass die frommen Frauen persönlich in ihrer Ölmühle standen. Sie waren feudale Grundbesitzer, d.h. sie verpachteten die Mühle, ähnlich wie sie auch ihr Land verpachteten, und dafür Anteile an den Erträgen erhielten.
Seit welcher Zeit eine Ölmühle hier stand, lässt sich kaum noch sagen. Ihr Alter dürfte aber einige hundert Jahre betragen.
Der letzte Mühlenbetrieb an Ort und Stelle wurde um etwa 1930 herum aufgegeben und das Gebäude verfiel, so dass heute nur noch die Grundmauern übrig sind, ebenso wie zwei Mühlsteine, die vom Heimatverein vor einigen Jahren geborgen wurden.

34Mühlenteich

Mühlenteich
Unnatürliches Naturidyll: Der Teich entstand vermutlich im Mittelalter durch die Aufstauung von Düte und Schlochterbach, als Benediktinerinnen in Kloster Oesede Wassermühlen errichten ließen.
Kaum zu glauben! Aber der Mühlenteich, der eigentlich aussieht wie die reinste Naturidylle, ist in Wahrheit das Ergebnis eines menschlichen Eingriffs - der allerdings schon lange zurückliegt und während des Mittelalters geschah. Der Teich entstand durch eine technisch anspruchsvolle und aufwendige Umgestaltung der hiesigen Fließwege von Düte und Schlochterbach. Dies geschah aus dem Anlass, dass die Benediktinerinnen aus dem Kloster Oesede hier ihre Wassermühlen errichten ließen. Wann das ganz genau geschah, lässt sich nur noch vermuten, es muss jedoch schon etliche hundert Jahre her sein. Der Teich wurde aus der Düte und dem Schlochterbach aufgestaut, um die Fallhöhe und damit die Kraft des Wassers für zwei hintereinander liegende Mühlen zu erhöhen und ein beständiges Reservoir für Trockenzeiten zu schaffen. Hinter diesem Teich lagen eine Korn- und eine Sägemühle. Den Schlochterbach aufwärts lag zudem eine Ölmühle hinter einem weiteren Teich.
Heute steht der idyllisch gelegene Mühlenteich in Kloster Oesede für die Naherholung einerseits und für den Umweltschutz andererseits. Das gesamte Gebiet des Mühlenteiches und der angrenzenden Feuchtwiesen, die von „Düte“ und „Schlochterbach“ durchflossen werden, stehen unter Naturschutz. Sie sind ein sogenanntes Flora-Fauna-Habitat, das nach europäischer Naturschutzrichtlinie besonders schützenswert ist. Ziel dieser Richtlinie ist es, eine europaweite Vernetzung von Lebensräumen wildlebender Arten sicherzustellen und damit einen langfristigen Artenschutz zu bewirken.
Da der Teich mittlerweile keinen Zustrom mehr hat, weder von der Düte noch vom Schlochterbach, haben die Kloster Oeseder keine geringe Sorge um ihren Mühlenteich: Er neigt dazu zu verlanden, was natürlich nach Kräften verhindert werden soll. Seit einigen Jahren versucht man der Entwicklung Herr zu werden, indem man ein sehr sauerstoffhaltiges Substrat in den Teich einbringt, um eine weitergehende Verschlickung zu verhindern, was erste Erfolge zu zeigen scheint.
Es ist Kloster Oesede zu wünschen, dass sich hier ein langfristiger Effekt einstellt, damit der Mühlenteich noch lange Bestand hat und viele Besucher sich an dieser Idylle freuen dürfen.

35Mahl- und Sägemühle

Mahl- und Sägemühle
Bis zum 19. Jahrhundert waren die Mühlen im Besitz der Kloster Oeseder Nonnen, die mit den Pächtern harte Verträge aushandelten.
Die beiden Mühlen, für die das Wasser von Schlochterbach und Düte im Mühlenteich aufgestaut worden war, gehörten den Grundbesitzern von Kloster Oesede, nämlich den ortsansässigen Benediktinerinnen. Wann diese Mühlen ihren Betrieb aufnahmen, ist nicht gesichert, es ist jedoch davon auszugehen, dass zumindest die Mahlmühle für das Korn schon seit dem Hochmittelalter hier stand, denn sie gehört zum Grundbestand ackerbäuerlicher Wirtschaftsweise. Sägemühlen sind in Deutschland allerdings ebenfalls schon seit dem späten 13. Jhd. nachweisbar.
Die Mühlen wurden natürlich nicht von den frommen Klosterfrauen selbst betrieben, sondern von Pächtern, die zunächst zu den Hörigen des Klosters gehört haben werden.
Später veränderten sich dahingehend die Zustände und die Pächter erlangten ein höheres Maß an Eigenständigkeit. Ein Zeugnis davon gibt eine Urkunde vom Ende des 18. Jahrhunderts, dem Pachtvertrag zwischen dem Sägemüller Wellinghof und den Nonnen des Klosters Oesede.
Gleichzeitig hat dieser Vertrag aber eine Reihe von Bestimmungen, die sicherlich schon alle Vorgängermühlen und ihre Pächter betroffen haben dürfte.
Der Zimmermann Wellinghof hat die Sägemühle in den Jahren 1794/95 auf Kosten des Klosters gebaut und erhält sie als erster für vier Jahre zur Pacht. Die Klosterfrauen machen ihn deshalb haftbar für alle Schäden an der Mühle, d.h. sie verlangen von ihm gewissermaßen Gewährleistung. Die ersten 2.000 Fuß Brettlänge hat er dem Kloster umsonst zuzusägen und danach zu einem festgesetzten Sonderpreis. Auch muss er jährlich zwei Malter guter Gerste und vierprozentigen Zins auf die Baukosten bezahlen. Darüber hinaus wird betont, dass er das Kloster immer zuerst zu bedienen hätte, d.h. die Damen mochten offenbar nicht warten.
Bei Wartungsarbeiten am Mühlenteich gäbe es keinen Abschlag von der Pachtgebühr. Zudem wird bestimmt, dass der Sägemüller nicht sägen dürfe, wenn die Mahlmühle Mangel an Wasser habe. Die Prioritäten waren dahingehend also klar: Die Kornmühle hatte eindeutig den Vorrang.
Als 1803 im Zusammenhang mit der Säkularisierung durch Napoleon das Kloster aufgelöst wurde, kamen alle seine Mühlen in Staatsbesitz.
1852 kaufte der Pächter Johann Heinrich Suttmeyer die Mahlmühle, etwas später auch noch die Öl- und Bokemühle. Damit war der ehemalige Mühlenbestand des Klosters weitgehend privatisiert und konnte noch viele Jahrzehnte erfolgreich weiterbetrieben werden. 1935 brach in der Mahlmühle sogar die Moderne an, denn von nun ab hatte sie elektrischen Strom. 1982 erfolgte nach Aufgabe des Betriebes der Umbau in ein Wohn- und Bürogebäude.

36Ottoschacht

Ottoschacht
Der Abriss der Kneipe „An der blauen Donau“ brachte Vergessenes zu Tage: Im Ottoschacht wurde bis 1889 Kohle für die Georgsmarienhütte gefördert.
(Baggergeräusche, Krachen) Ja, da geht sie hin, die „Blaue Donau“. Nee! Nicht missverstehen, nicht der Fluss, sondern die alte Kneipe hier in Kloster Oesede. Wird auch Zeit, dass das schäbige Ding hier endlich wegkommt… Jawohl (Baggergeräusche wieder lauter), da haben wir’s doch gleich. (Krachen) Und weg ist das Ding! (Bröckelndes Geräusch, Erdrutsch o.ä.) Hee! (erschrocken bis panisch) Was ist das? Mensch, mir sackt der ganze Bagger weg!
Als im Jahre 2006 die alte Gaststätte „An der blauen Donau“ abgerissen wurde, stieß man auf ein halb vergessenes Stück Bergbaugeschichte. Ein Abrissbagger brach in den Stollen des alten Ottoschachtes ein, der an dieser Stelle knapp unterhalb der Oberfläche verlief.
Dieser Ottoschacht steht für den Höhepunkt des hiesigen Kohleabbaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig für dessen Niedergang.
Kohle wurde rund um Kloster Oesede schon seit dem späten Mittelalter gegraben, da die Kohleflöze bis an die Oberfläche ragten. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts gab es einen staatlich organisierten Tagebau. Als die auf diese Weise erreichbaren Kohleflöze aber erschöpft waren, hatte sich inzwischen etwas für die Region Grundlegendes getan: Die Stahlhütte in Georgsmarienhütte war gegründet worden und diese brauchte unablässig neue Rohstoffe. Um für sie neue Ressourcen zu erschließen, wurden mehrere Tiefbauschächte gegraben, deren Stollensysteme miteinander vernetzt wurden. Hier in Kloster Oesede wurde der Ottoschacht gegraben. 1867 hatte er bereits eine Tiefe von 130m erreicht, im Jahr darauf begann die Kohleförderung.
Angesichts der unzähligen Tonnen Kohle, die zur Stahlhütte verfrachtet werden mussten, wurde die Logistik zum belastenden Problem: Um dieses zu lösen, gab es nur einen brauchbaren Ansatz: Es musste eine Bahnverbindung vom Ottoschacht zur Georgsmarienhütte her. Die 3,1 km lange Schienenverbindung wurde am 1. November 1881 eröffnet und zunächst von der hütteneigenen Georgsmarienhütten-Eisenbahn betrieben. 1886 folgte der Anschluss an die staatliche Bahnstrecke zwischen Osnabrück und Brackwede bei Bielefeld.
Nur wenige Jahre später wurde deutlich, dass der Kohleabbau bei Oesede seine Tücken hatte. Die Kohleflöze haben hier eine vergleichsweise geringe Mächtigkeit und sind teilweise tektonisch gestört. Das Schlimmste aber war, dass das Wasser der Düte begann, in die Schächte einzudringen. Auf diese Weise erhöhten sich die Kosten für den Kohlebergbau vor Ort drastisch, und das, wo gleichzeitig billige Kohle aus dem Ruhrgebiet auf den Markt drängte. Schon 1889 wurde deshalb der Ottoschacht geschlossen. Die einstmals über 500 Zechenkumpel mussten sich eine neue Beschäftigung suchen und gingen meistenteils ins Ruhrgebiet oder ins Saarland.
Die Gleisanlagen am Ottoschacht wurden umgebaut und 1908 ein neues Bahnhofsgebäude errichtet. Gleichzeitig wurde der Bahnhof in Kloster Oesede umbenannt.
Wie weitausgreifend das Stollensystem unter der Gemeinde Georgsmarienhütte war, geriet weitgehend in Vergessenheit. Erst seit der Wiederentdeckung des Ottoschachtes unter der „Blauen Donau“ begann man sich wieder eingehender zu erinnern. Ziel ist es inzwischen, in Georgsmarienhütte einen Lernstandort Bergbau aufzubauen. Auch halten Straßenamen wie Ottoschacht, Glückaufstraße, Steigerstraße oder Zum Stollen die Erinnerung an die Bergbaugeschichte wach.

37St. Peter und Paul

St. Peter und Paul
Sie sieht älter aus als sie ist: Die auch als „Dütedom“ bekannte Kirche wurde Anfang des 20. Jahrhundert mit Spendengeldern erbaut.
Die herrliche gotische Kirche zu St. Peter und Paul, die nach dem örtlich Fluss auch gerne einmal mit Stolz „Dütedom“ bezeichnet wird, sieht zwar altehrwürdig aus - ist es aber nicht. Oder vielleicht doch ein bisschen. Naja, lassen Sie es mich so erklären:
Der Ort Oesede, heute Stadtteil von Georgsmarienhütte, wird schon im 9. Jhd. urkundlich erwähnt und zu dieser Zeit könnte er schon eine Kirche gehabt haben. Immerhin schon im 11. Jhd. taucht die Kirche St. Remigius selber in einer Urkunde des Klosters Iburg auf.
Ein klein wenig später wird man eine neue romanische Kirche gebaut haben, die hier über Jahrhunderte hinweg stand. Allerdings erwies sie sich, wie viele andere Kirchen auch, im Laufe der Zeit als zu klein. Daher wurde sie mehrfach umgebaut, erweitert und renoviert, so dass im 19. Jhd. eigentlich nur noch der alte Turm stand.
Nun gab es in Oesede aber nicht nur das natürliche Bevölkerungswachstum, sondern durch die Gründung der Georgsmarienhütte erfuhr die Gegend ab 1856 eine Umstrukturierung wesentlicher Lebensbereiche. Bis zu diesem Zeitpunkt war das südliche Osnabrücker Land eine beschauliche Landschaft mit einer Handvoll Bauerndörfern gewesen. Jetzt wurde die Stahlhütte zum industriellen Zentrum, das weithin Arbeitskräfte an sich zog. Entsprechend nahm die Einwohnerschaft geradezu explosionsartig zu. Darauf konnte die Kirche gar nicht so schnell reagieren. Plötzlich war St. Remigius, das vielleicht noch für Generationen gut gewesen wäre, viel zu klein.
Um diesen Missstand zu beheben, wurde 1897 ein Sammelverein ins Leben gerufen, der das Geld für einen Kirchenneubau zusammenbringen sollte. Nur sechs Jahre später erfolgte die Grundsteinlegung.
1906 war der fast domartige Kirchenbau samt seinem 75 Meter hohen Turm fertiggestellt. Er wurde unter dem Patronat von St. Peter und Paul geweiht, in Traditionsfortführung der alten Kirche, die seit den Zeiten des 30jährigen Krieges in der Regel nicht mehr als St. Remigius, sondern mit dem Namen der beiden Apostelfürsten bezeichnet wurde.
Kirchenschiff und Chor der alten Kirche wurden nun leider abgerissen. Die Steine des uralten romanischen Kirchturmes hatten sogar schon 1903 in den Fundamenten der neuen Kirche Verwendung gefunden. Der Gedanke des Denkmalschutzes spielte damals offenbar noch keine besonders große Rolle.
Insofern ist diese Kirche aber eigentlich beides: einerseits gotisch, aber neugotisch, einerseits St. Peter und Paul, andererseits aber auch ein Stück St. Remigius, einerseits erst knackige gut 100 Jahre alt, andererseits aber fußend auf einer Tradition, die bis ins frühe Mittelalter zurückreicht.

38Villa Stahmer

Villa Stahmer
Im Jahr 1900 zog Fabrikant Robert Stahmer in die Villa oberhalb seiner Eisenbahnsignalwerke ein, die heute umfassende Einblicke in die Geschichte Georgsmarienhüttes bietet.
Die Villa Stahmer! Sie ist das Gebäude, in dem das Museum von Georgsmarienhütte untergebracht ist. Und das ist eine ausgesprochen gelungene Kombination, da das Haus selbst musealen Wert hat und die Geschichte Georgsmarienhüttes in vielfältiger Weise repräsentiert. Die Geschichte beginnt damit, dass der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein 1856 eine kleine, in der Gemeinde Hagen gelegene Eisenhütte übernahm und mit einem neuen Standort ausbaute.
Eine der übernommen Fachkräfte war der Maschinenbaumeister Carl Stahmer aus Clausthal-Zellerfeld. Als rund um die neue Stahlhütte diverse Eisenbahnlinien gelegt wurden, erkannte er seine Chance. Angrenzend an das Hüttenwerk errichtete Stahmer eine eigene Eisengießerei, in der er ab 1862 mit zunächst nur zwei Mitarbeitern Eisenbahnwaggons reparierte und später Weichen, Schranken und andere Eisenbahntechnik produzierte. Dank seiner Branchenkenntnisse entwickelte sich das Unternehmen, das 1886 den Namen „Vereinigte Eisenbahnsignalwerke“ erhielt, so prächtig, dass es damals mit der Stahlhütte um die besten Arbeitskräfte konkurrieren konnte.
Carl Stahmer blieb Zeit seines Lebens sparsam, was ihn selbst anging. Es wird erzählt, er habe noch als erfolgreicher Fabrikant in der Werkshalle verbogene Nägel aufgehoben und der Weiterverwertung zugeführt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, sein Geld großzügig für diverse Stiftungen auszugeben.
Seine Söhne Robert und Ernst waren dagegen mit dem Reichtum aufgewachsen und hielten durchaus etwas von Repräsentation. Deshalb ließ sich im Jahr 1900 jeder von ihnen eine schmucke Villa oberhalb des Werks am heutigen Carl-Stahmer-Weg errichten. Das waren Häuser mit allerhöchstem Luxus, zumal zur damaligen Zeit. Wertvolle Stuckdecken und farbenprächtige Fenster im Jugendstil bezeugen das noch heute. Und während der normale ‚Georgsmarienhütter‘ in den 1920er Jahren nur in der „Alten Wanne“, dem heutigen Jugendzentrum, ein Bad nehmen konnte, verfügten die Bewohner der Villen bereits über ein privates Badezimmer und Wasserklosett! Robert gönnte sich in seinem Haus sogar ein orientalischen Bad.
Trotzdem sind beide Häuser von ihren Bauherrn nicht sehr lange bewohnt worden: 1929 verstarb Ernst, nur zehn Jahre später wurde seine Villa abgerissen. Und Robert Stahmer übernahm nach nur sieben Jahren ein Zweigwerk in Bruchsal. In seiner Villa wohnten stattdessen leitende Angestellte.
Nach dem 2. Weltkrieg hatte die Villa ein sehr wechselhaftes Schicksal. Zunächst von den britischen Militärs vereinnahmt, zog später das Arbeitsamt ein. Anschließend wurde die Villa als Mehrfamilienhaus genutzt und ziemlich abgewohnt.
Als das Haus 1968 in den Besitz der Gemeinde Oesede kam, dachte man sogar an Abriss. Nur durch entschiedenes Engagement des damaligen Kulturamtsleiters und einiger entschlossener Bürger gelang es schließlich, das historische Gebäude zu retten. Ab 1975 wurde die Villa weitgehend in ehrenamtlicher Arbeit zum Museum umgebaut und 1980 eröffnet.
Die seitdem mehrfach überarbeitete Dauerausstellung beschäftigt sich vor allem mit der Stadtgeschichte seit Gründung der Stahlhütte Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Museumsbesuch ist übrigens auch für Familien mit Kindern lohnenswert, denn viele Exponate sind nicht nur anschaulich, sondern auch zum Anfassen!

39Siedlung Alte Kolonie

Siedlung Alte Kolonie
Die Keimzelle der Stadt: Die „Alte Kolonie“ entstand im 19. Jahrhundert, um Arbeiter aus dem Harz nach Georgsmarienhütte zu locken.
„Ein blinder König beweist Weitsicht“ – So könnte man das überschreiben, was die Gemeinde Georgsmarienhütte prägen sollte. Der durch einen Unfall erblindete König Georg V. bestieg 1851 den Thron des Königreichs Hannover. Das Land litt an einem Entwicklungsdefizit, da die hannoverschen Herrscher lange Zeit in Personalunion englische Könige gewesen waren und dort ihren Schwerpunkt gelegt hatten. Georg V. trat deshalb an, das noch weitgehend landwirtschaftlich geprägte Hannover einer Industrialisierung zuzuführen.
1856 investierten seine Frau Marie und er viel Geld in ein Stahlhüttenprojekt, dem sie gleichzeitig gestatteten, ihre Namen zu tragen, den Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, der in der alten Gemeinde Malbergen eine große und leistungsfähige Stahlhütte aufbaute, die noch heute existiert.
Die Einheimischen waren nicht sehr erpicht darauf, in der Hütte zu arbeiten, weil sie noch stark der Landwirtschaft und einer traditionellen Lebensweise verbunden waren. Deshalb brauchte die Hütte zusätzliche Arbeitskräfte von außerhalb. Es musste jedoch sichergestellt werden, dass die Menschen, die in Georgsmarienhütte arbeiten sollten, hier auch eine Unterkunft erhielten. Es brauchte also einen betrieblichen Wohnungsbau, um die Arbeiter an diesen Standort zu locken und sie auch hier zu halten. Da viele der Arbeitskräfte aus dem Harz kamen, ließ das Hüttenwerk eine ganze Siedlung mit Häusern im Harzer Stil errichten, die für damalige Verhältnisse komfortabel und modern ausgestattet waren. Das war die Geburtsstunde der „Alten Kolonie“.
Da es immer wieder zu Reibereien zwischen den traditionell lebenden und katholischen Einheimischen und den protestantischen Neubürgern kam, wurde zwischen ihnen eine verwaltungstechnische Trennung vollzogen: So wurde 1860 aus der „Alten Kolonie“ eine eigenständige Gemeinde. Allerdings stellte den Bürgermeister für die neue Gemeinde die Stahlhütte, ein im Königreich Hannover einmaliger Vorgang. Auf diese Weise blieben die Zugehörigkeit der Menschen und die Machtverhältnisse zwischen ihnen und der Hütte auch nach außen weiterhin sichtbar.
Deutlich wird hier, dass die Entwicklung des Ortsteils Alt-Georgsmarienhütte untrennbar mit dem Aufbau der „Alten Kolonie“ verbunden ist. Das heißt, wir haben es hier mit Stadtgeschichte zu tun, die ganz eng verknüpft ist mit der regionalen Industriegeschichte.
Wenn Sie noch Genaueres über die „Alte Kolonie“ wissen wollen, habe ich einen Tipp für Sie: Acht Stationen eines historischen Rundwegs, der vom Arbeitskreis Ortsteilentwicklung Alt-Georgsmarienhütte initiiert wurde, machen auf die noch sichtbaren, aber auch auf mittlerweile verschwundene Merkmale dieses besonderen Stadtteils aufmerksam.

40Kloster Ohrbeck

Kloster Ohrbeck
Angesichts der Schrecken des Ersten Weltkriegs entschied sich die Bevölkerung, den Franziskanern dieses neobarocke Kloster zu stiften.
Die Erde dröhnt. Jeder fühlt es mit, wie die schweren Geschosse die Grabenbrüstungen wegreißen, wie sie die Böschungen durchwühlen und die obersten Betonköpfe zerfetzen. Wir merken den dumpfen Schlag, der dem Prankenhieb eines fauchenden Raubtiers gleicht, wenn der Schuss im Graben sitzt. Die Nacht ist ein Brüllen und Blitzen. Wir sehen uns bei dem sekundenlangen Licht an und schütteln mit bleichen Gesichtern und gepressten Lippen die Köpfe.
So beschreibt Erich Maria Remarque das Kriegsgeschehen während des 1. Weltkriegs. Das ist kein Krieg mehr, der mit nur einer Schlacht entschieden ist, kein Krieg mehr, der nur ein paar Monate dauert und vielleicht 10.000 Unglückliche das Leben kostet. Dieser Krieg frisst Millionen um Millionen von Menschenleben und hat sich selbst das Leben derer unterworfen, die nicht an der Front stehen. Die Moderne ist in ihrer Totalität auch im Krieg angekommen.
Sicher ist es kein Zufall, dass ausgerechnet in dieser Zeit die katholische Bevölkerung des Osnabrücker Landes den Entschluss fasst, ein Kloster stiften zu wollen, und zwar für den Franziskanerorden, der allein schon durch das Vorbild des Heiligen Franziskus für die bedingungslose Liebe zu allen Mitgeschöpfen steht.
Schon 1918 kommen die ersten Franziskaner nach Ohrbeck. Zunächst kommen sie in Provisorien unter, bis 1926 die Klosterbauten bezugsfertig sind. Drei Jahre später ist auch die dem Heiligen Antonius von Padua geweihte Kirche fertiggestellt. Sie ist ein beeindruckender runder Kuppelbau im Stil des Neobarock. Ihr Vorbild ist die Kirche Sant‘ Agnese in Agone an der berühmten Piazza Navona in Rom.
Doch die Franziskaner konnten in ihren neuen Gegebenheiten nur für kurze Zeit ihrer Arbeit ungestört nachgehen. Den Nazis waren die friedliebenden Brüder ein Dorn im Auge. Daher beschlagnahmten sie das Kloster 1941 und legten ein Jahr später ein Notkrankenhaus in das Exerzitienhaus.
Erst nach dem 2. Weltkrieg konnten die Franziskaner in ihr Kloster zurückkehren. Seitdem leben und arbeiten sie hier ohne weiteren Eingriff von außen.
Ein wichtiges Aufgabengebiet der Brüder ist heute die Seelsorge in der Pfarrgemeinschaft Georgsmarienhütte West, ein anderes ist das dem Kloster angegliederte Bildungshaus Ohrbeck, das seit 1974 als katholische Erwachsenenbildungsstätte und Heimvolkshochschule des Landes Niedersachsen fungiert.

41Kirschlehrpfad

Kirschlehrpfad
Der Ort wird nicht umsonst „Kirschenhagen“ genannt: Hier wurden schon Kirschsorten wiederentdeckt, die längst als ausgestorben galten.
(Stimmengemurmel, Rufen, Pfeiffen) „Das gibt es doch nicht! Da kommen die Osnabrücker, und die wollen… Ja! Die wollen unsere Kirschen klauen! Das müssen wir verhindern! Aber wie? Das sind verdammt viele!“. Anderer Sprecher:
Im Sommer 1919 kamen die Osnabrücker mit einer großen und entschlossenen Abordnung nach Hagen und konfiszierten kurzerhand 60 Zentner Kirschen. Das Ganze war keineswegs rechtmäßig, doch die Osnabrücker ärgerte es einfach maßlos, dass die Hagener ihre Kirschen nicht mehr in ihre Stadt verkauften. Das hatte damit zu tun, dass nach dem Ersten Weltkrieg die Preisbindung für Lebensmittel aufgehoben worden war, aber die Osnabrücker nicht bereit waren, den – zugegeben – horrenden Preis für die Hagener Kirschen zu bezahlen. Daraufhin entschieden sich die Hagener dafür, lieber andere Städte und Gemeinden zu beliefern. Das wiederum wollten aber die Osnabrücker nicht zulassen. Deshalb statteten sie Hagen diesen unangenehmen Besuch ab. Als es im Sommer darauf in Osnabrück noch einmal zu Krawallen kam und man sich schon wieder anschickte, nach Hagen zu marschieren, ließ man sich nur von der Nachricht aufhalten, dass die Hagener sich inzwischen bewaffnet hätten – und man die Osnabrücker erwarte. Da ließ man einen zweiten Raubzug doch lieber sein.
Dass es um die Kirsche Krawall gibt, ist glücklicherweise die Ausnahme, zeigt aber wie begehrt die Hagener Frucht ist!
Bei uns wachsen über 300 verschiedene Süßkirsch-Sorten. Keine schmeckt davon genau wie die andere. Das heißt, bei uns kann man zum Kirschfeinschmecker werden, wenn man sich in diese Vielfalt hineinbeißt!
Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken: Wir können zum Beispiel mit Recht behaupten, regelrechte „Kirscharchäologen“ zu sein, hat man bei uns doch einige Sorten wiederentdeckt, die schon längst als ausgestorben galten.
Diese Erfolge beim Erhalt der Artenvielfalt haben dazu geführt, dass Hagen nach einem 2010 abgeschlossenen Modellvorhaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zum offiziellen Erhaltungsstandort für Süßkirschsorten erklärt worden ist und in Kooperation mit der Deutschen Genbank Obst steht.
Auch fungiert Hagen seit vielen Jahren als „Kirschmuttergarten“. Von hier aus werden Reiser, also Triebe, die zur Veredelung von Obstbäumen benutzt werden, in die ganze Welt versandt. Das ist notwendig, wenn man eine ganz spezielle Sorte duplizieren möchte. Aus einem Kern wächst zwar auch ein Baum, aber eben nie die exakt gewünschte Sorte. Dies und vieles mehr erfahren Sie übrigens bei einer unserer Kirschlehrpfad-Führungen.
Auch erfahren Sie dort etwas über die Geschichte des Kirschanbaus in Hagen. Hier aber schon einmal ein kleiner runder Vorgeschmack: Bereits im 16. Jhd. wurden in Hagen am Teutoburger Wald großflächig Süßkirschen angebaut. Und seit der Wende zum 20. Jhd. wurden wir das bedeutendste Obstanbaugebiet zwischen Osnabrück und Münster. Jetzt hoffen wir, dass wir Ihnen Appetit gemacht haben: Seien Sie, und das nicht nur zur Obstblüte, willkommen in der Kirschgemeinde Hagen!

42Dorfstraße mit Trommler

Dorfstraße mit Trommler
Am Kirmesmontag lässt Hagen so richtig die Sau raus – und das seit über 400 Jahren: Der Trommler ruft zum Ferkelmarkt, auf dem der ganze Ort feiert.
(Trommelschläge) Der Trommler hat in Hagen stets die Leute „zusammengetrommelt“ und zwar zu ganz unterschiedlichen Anlässen. Traditionellerweise gab es in Hagen sechs Trommler, jeder aus einer der sechs Bauerschaften, aus denen das alte Kirchspiel Hagen bestand. Aufgabe der Trommler war es, die Menschen lautstark bei einem Brand zu warnen oder beim Auftauchen von Wölfen zur Wolfsjagd zu rufen. Sicher werden die Trommler auch zum Einsatz gekommen sein, als der Dreißigjährige Krieg mehrfach über Hagen hinweg zog.
Zum Glück gibt es aber auch einen freudigen Anlass, zu dem die Trommler traditionell auftrommeln, und der wird heutzutage jedes Jahr erneut zelebriert, und zwar im Zentrum des alten Kirchspiels Hagen, der Dorfstraße mit der St. Martinskirche.
Am letzten September- oder ersten Oktoberwochenende findet in Hagen alljährlich die Kirmes statt, ein fröhliches Volksfest für die ganze Familie. Einen besonderen Höhepunkt bildet dabei immer am darauffolgenden Montag der Ferkelmarkt. Im Jahre 1615 erließ der Fürstbischofs von Osnabrück die Erlaubnis, dass die Hagener am Montag ihrer Kirmes einen offenen Viehmarkt abhalten dürfen. Darüber hinaus wurde erlaubt, „allerhand Waren“, wie es in der alten Urkunde heißt, zu verkaufen.
Bevor der Markt beginnt, wird von den sechs traditionellen Trommlern „aufgetrommelt“, wobei der Vertreter von Altenhagen, der nach der Tradition immer der Marktrichter vom Hof Niehenke war, keine Trommel, sondern eine Fahne trägt, die den Marktfrieden symbolisiert. Groß und Klein ist dann in Hagen auf den Beinen und zieht hinter Fahne und Trommler her durch die Dorfstraße und singt das Hagener Lied, ein ganz starkes Symbol heimatlicher Verbundenheit und der Zusammengehörigkeit! („Hagen meine Liebe“ anspielen)
Diesem Brauch gilt die Trommlerfigur des Bildhauers Werner Klenk, die 1999 von Hagener Bürgern gestiftet worden ist. Die Figuren Viehhirte und Ferkel, die zum Marktplatz hin stehen, stammen von der Künstlerin Gila Spengler und wurden hier 2016 anlässlich des 400. Ferkelmarktes aufgestellt.
Übrigens werden auf diesem Ferkelmarkt bis heute tatsächlich Tiere gehandelt, und zwar nach alter Väter Sitte mit Handschlag zur Besiegelung des Kaufvertrages.

43Ehemalige Kirche

Ehemalige Kirche
Die Ursprünge des Hagener Wahrzeichens reichen bis ins Jahr 860 zurück. 1973 wurde sie für die Kirchengemeinde zu klein – und ist seitdem Kulturzentrum.
Die Franken kommen! Ihr König Karl der Große erobert in langen blutigen Kriegen das Sachsenland. Und überall dort, wo er seine Herrschaft aufrichtet, hält das Christentum Einzug. Die Zeit der alten sächsischen Götter ist vorüber. Um die Einwohner des Landes aber auch wirklich zum christlichen Glauben zu bekehren, schicken die Franken ganze Heerscharen von Klerikern in die neueroberten sächsischen Gebiete. Überall schießen daraufhin Missionszentren und Kirchen aus dem Boden.
Auch in Hagen wird um das Jahr 860 eine Kirche gebaut. Sie ist dem Hl. Martin geweiht, pikanterweise ausgerechnet dem Schutzpatron der Franken.
St. Martin ist im Kern also tatsächlich mehr als beeindruckende 1000 Jahre alt! Der fränkische Kirchenbau selbst wird dagegen nicht sonderlich beeindruckend gewesen sein, deshalb ist er im Laufe der nächsten Jahrhunderte durch eine romanische Kirche ersetzt worden. Doch auch diese Kirche genügte irgendwann nicht mehr den Ansprüchen der Hagener Gemeinde, daher gab es an der Wende zum 16. Jhd. einen spätgotischen Neubau, dessen Erscheinungsbild uns zumal in Form des Turmes noch heute gegenübertritt.
Die Kirche wurde seitdem nochmals mehrfach erweitert, was immer eine teure Angelegenheit war. Einmal, als die Sakristei einen Umbau nötig hatte, wollte sich das Geld nicht in der Gemeinde auftreiben lassen, da erklärte sich die begüterte Frau von Winzheim dazu bereit, die Kosten zu tragen, wenn sie denn dafür eine Begräbnisstätte für sich und ihre Nachkommen unter der Kirche bekäme. Als die Hagener von diesem Angebot Wind bekamen, öffneten sich plötzlich doch noch die Geldbörsen und Sparstrümpfe der Gemeinde. Eine adelige Gruft unter ihrer Kirche – das war einfach nicht nach dem Geschmack der Hagener!
Anfang der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts entschloss sich die Kirchengemeinde Hagen zu einem schmerzhaften und dennoch schlüssigen Schritt. Für ein Gemeindeleben in moderner Größenordnung war die alte St. Martinskirche einfach nicht mehr optimal, deshalb entschloss man sich zu einem vollständigen Neubau. 1973 erfolgte der Umzug und die alte Kirche wurde profanisiert, womit sie für außerkirchliche Zwecke frei wurde.
Seit 1978 kümmert sich ein Trägerverein darum, dass das altehrwürdige Wahrzeichen Hagens einerseits in aller Würde erhalten bleibt, andererseits aber auch mit Leben gefüllt wird. Mittlerweile ist die ehemalige Kirche ein beliebtes Zentrum für unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen. Gerade Konzerte sind hier von ganz eigener Qualität, denn sowohl die besondere Atmosphäre des Hauses als auch die herausragende Akustik tragen das Ihre zu einem eindrucksvollen Musikerlebnis bei.

44Altes Pfarrhaus

Altes Pfarrhaus
Hast du Tone? Da Ton in Hagen reichlich vorhanden war, blühte hier das Töpfereihandwerk, wie das Museum im Alten Pfarrhaus zeigt.
Heißen Sie vielleicht Pötter oder Pöttker? Dann könnte es durchaus sein, dass Ihre Vorfahren im westfälischen Raum, eventuell sogar hier direkt in Hagen dem Töpferhandwerk nachgingen. Die Region um Osnabrück ist eine der traditionsreichsten Töpferlandschaften in Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass der natürliche Rohstoff durch die günstige Geologie des Osnabrücker Landes vor Ort vielfach vorhanden war. Auch in Hagen ist die Existenz von Töpfereien schon seit dem Mittelalter belegt. Sie bekamen ihr Material aus dem Goldhagenbach, dessen Ton- und Schiefertonschichten besonders geeignet sind, da sie frei von sandigen und kalkigen Beimischungen sind.
Dass der Ton hier so reichlich vorkommt, war für die Menschen, die ansonsten fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebten, ein Glücksfall, bot er doch die Möglichkeit zumindest eines Zusatzverdienstes, wenn nicht sogar der Entwicklung einer einträglichen Profession. So ist nachweisbar, dass die Höfe, auf denen das Töpferhandwerk betrieben wurde, selbst die schlechten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges einigermaßen glimpflich überstanden. Später konnte der Absatzmarkt für die hiesigen Töpfererzeugnisse noch erweitert werden, denn die „Kiepenkerle“, mobile Händler mit einer Kiepe, einem großen Korb auf dem Rücken, brachten die Ware in die zahlungskräftige Stadt, nach Osnabrück oder Münster.
Zeugnisse der alten Töpfertradition sind hier in Hagen im alten Pfarrhof zu bewundern, und zwar in zweifacher Weise: In einem Teil der Sammlung werden viele ausgewählte schöne Stücke präsentiert, die in den letzten Jahren durch Ankauf oder Schenkung erworben worden sind. Der andere Teil der Sammlung präsentiert archäologische Funde aus 16. bis zum 20. Jhd. Sie stammen aus einer groß angelegten Ausgrabungskampagne auf dem Areal dreier alter Hagener Töpfereien. Da diese Sammlung eine der bestbestückten und größten ihrer Art in ganz Nordwestdeutschland ist, sollte jeder Freund formschöner Keramik hier einen Besuch unbedingt fest einplanen.
Heute ist übrigens das Töpferhandwerk in Hagen leider verwaist. Als letzte gab 1949 die Töpferei Hehemann auf. Die Werkstatt selbst ist allerdings erhalten geblieben. Sie steht heute im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold und kann dort bewundert werden.
Was glücklicherweise in Hagen verblieben ist, ist der hiesige alte Pfarrhof. Der wunderschöne Fachwerkbau, der den vorderen Teil des Gebäudeensembles bildet, stammt aus dem Jahre 1723. Das dahinter gelegene Steinwerk ist in Teilen sogar noch um die hundert Jahre älter. Es beherbergt heute Hagens öffentliche Bibliothek.
45Gellenbecker Mühle

Gellenbecker Mühle
In der Gellenbecker Mühle wurde lange Zeit nicht nur Getreide gemahlen, sondern auch Flachs verarbeitet – und ein Schwein, das versehentlich unter die Walze geraten war.
„Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“. Was das alte Lied besingt, gehörte lange Jahrhunderte zum selbstverständlichen Alltag der Menschen. Vor allem das Korn musste gemahlen werden und da die Windmühle erst seit dem späten Mittelalter von Flandern her Einzug hielt, war man darauf angewiesen, die Kraft des Wassers zu nutzen.
Hier, am Standort der Gellenbecker Mühle, gab es spätestens seit dem 13. Jhd. eine Wassermühle. In einer Urkunde dieser Zeit findet sie ihre erstmalige Erwähnung als Teil des Hofes Meyer zu Gellenbeck. Damit ist sie die älteste Mühle Hagens. Eine weitere mittelalterliche Urkunde berichtet davon, dass Hof und Mühle samt Pächter dem Ritter von Varendorf zum Lehen gegeben wurden.
Wie so vieles andere nahm auch die Gellenbecker Mühle im Dreißigjährigen Krieg schweren Schaden. Da man sie aber dringend brauchte, wurde sie schon 1637 wiederaufgebaut. Nach Ende dieses verheerenden Krieges erlebte Deutschland eine vergleichsweise friedliche Zeit mit weitgehender wirtschaftlicher Prosperität. Das wirkte sich auch auf die Mühle in Gellenbeck aus. Sie wurde um einen zweiten Mahlgang erweitert. Gleichzeitig errichtete man auf der gegenüberliegenden Seite des Baches eine Öl- und Bokemühle zur Verarbeitung von Flachs. Über lange Jahre hielt sie eine Monopolstellung inne, da sie doch die einzige ihrer Art in einem Umkreis von 35 km war.
Dass es in solch einer Mühle nicht immer ganz ungefährlich zuging, zeigt eine Anekdote aus dem 18. Jdh. Aus Vergesslichkeit oder weil er sich nichts dabei gedacht hatte, hatte jemand die Tür zur Ölmühle offengelassen. Ein Schwein ergriff die Gelegenheit beim Schopf und schlüpfte hinein. Das neugierige Tier schnüffelte nun überall herum – bis man aus der Mühle nur noch lautes Quieken hörte. Das arme Schwein war unter eine Walze gekommen und vermutlich gab es in den nächsten Tagen, vom Braten bis zur Leberwurst, gut zu essen.
Bis 1929 wurde die Ölmühle betrieben, dann jedoch war ihre Zeit abgelaufen und man ersetzte sie durch das jetzige Wohnhaus.
Der jetzige Mühlenbau ist um 1900 entstanden. Zuletzt bis 1977 war die Mühle noch verpachtet und verrichtete ihren Dienst. Danach stand jedoch zu befürchten, dass das Areal ohne Nutzung langsam, aber sicher verfallen würde. Verhindert wurde dies schließlich durch das Ehepaar Bölts, das das Wohnhaus bezog und zusammen mit dem Verein zur Erhaltung der Gellenbecker Mühle die Anlage wieder instand setzte.

46Orchideenwiese am Silberberg

Orchideenwiese am Silberberg
Silber wurde hier schon länger keins mehr gesehen, dafür lassen zehn verschiedene Orchideenarten das Areal erstrahlen.
Allein der Name hat schon etwas Magisches an sich: Silberberg! Da denkt man an märchenhafte Wesen, unterirdische Reiche, an versunkene Schätze und dergleichen mehr. Tatsächlich gibt es hier von alledem ein bisschen – oder sogar ein wenig mehr als ein bisschen!
Aber eins nach dem anderen. Fangen wir mit den Schätzen im Silberberg an: Der 180m hohe Berg besteht aus Zechsteinkalk, einem etwa 250 Millionen Jahre altem Gestein, das an vielen Stellen Beimengungen von Zink, Blei und Silber enthält. Aufgrund dieser Vorkommen hat es hier schon seit dem späten Mittelalter Bergbau gegeben. Intensiviert wurde dieser im 18. Jhd. als der Bischof von Osnabrück versuchte, damit die Einkünfte seines überschaubaren Territoriums zu steigern. Er holte sich dazu sogar eine Reihe von Fachkräften aus dem Harz, die einen 600m langen Stollen in den Berg trieben, d.h. es gibt hier wirklich so etwas wie ein unterirdisches Reich. Obwohl der Bischof 1724 einen Mariengroschen aus dem Hagener Silber prägen ließ, war das Gesamtprojekt jedoch wenig ergiebig und wurde deshalb nach wenigen Jahren wieder eingestellt. Die Hagener Bauern waren übrigens nicht wenig froh darüber, dass die Bergleute wieder verschwanden. Aus den Gerichtsakten dieser Zeit wird deutlich, dass sie sich keineswegs gut mit ihnen verstanden. Eine Frau Meyer beschwerte sich über einen allzu lockeren Lebenswandel der Bergleute und der Bauer Dehpendehner nannte sie sogar „Hundsfotter und Schelmen“. Aber dabei blieb es nicht: Eine Vielzahl von ganz handfesten Auseinandersetzungen ist ebenfalls dokumentiert.
Das Silber im Berg hat jedoch auch die nachfolgenden Generationen immer wieder gereizt. Deshalb ist noch heute eine ganze Reihe von Schächten auszumachen, die von diversen Probebohrungen stammen. Etwas wirklich Lohnenswertes gefunden hat man dabei allerdings nicht. Bislang jedenfalls.
Kommen wir daher lieber zu den märchenhaften Wesen am Silberberg, denn davon gibt es hier tatsächlich gar nicht so wenige! Gerade im Bereich alter Schürftrichter, sog. Pingen, ist die Konzentration an Schwermetallen im Boden relativ hoch, was dazu führt, dass hier eine ganz besonders seltene Fauna gedeiht. Darüber hinaus sorgt der Kalkboden dafür, dass eine echte Schönheit den Silberberg mit ihrer feenhaften Anmut beglückt. Es ist die Orchidee, die hier in 10 unterschiedlichen Arten wächst.
Damit dieser Garten seltener Pflanzen erhalten bleibt, ist einiger Aufwand nötig und viel pflegende Fürsorge, z.B. um einen Gehölzbewuchs zu vermeiden, der unsere zarten Schönheiten vertreiben würde. Deshalb wundern Sie sich nicht, wenn Sie hier auf einmal die eine oder andere Ziege entdecken. Es sei Ihnen versichert: Die sind nicht ausgerissen, sondern gehören hierher und betreiben Landschaftsschutz, denn sie fressen das Grün ab, das hier nicht wachsen soll.Wenn Sie den märchenhaften Silberberg und seine Geheimnisse nun noch genauer erkunden möchten, empfehle ich Ihnen eine Führung der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt in Hagen oder des NABU Osnabrück, die zu Anfang Juni, der Zeit der Orchideenblüte, angeboten werden.

47Seilbahn-Denkmal auf dem Borgberg

Seilbahn-Denkmal auf dem Borgberg
Ein wortwörtlicher Drahtseilakt hin zum weißen Gold! Das mag in Ihren Ohren vielleicht ein wenig reißerisch klingen. Aber es ist nicht übertrieben, denn es beschreibt ziemlich genau das, was hier am Borgberg einmal etwas ganz Alltägliches gewesen ist.
Und zwar hat es hier etwas gegeben, was man eigentlich nur aus dem Hochgebirge kennt, nämlich eine Seilbahn! Insgesamt war sie 6,3 Km lang und zog sich schnurgerade durch die Landschaft. Von unserem Standort aus führte sie noch gut 2 Km Richtung Südwesten bis zum Westerbecker Berg, und etwa 4 Km in die Gegenrichtung Nordost, durch das Tal des Goldbachs hindurch, über Beckerode und die Große Heide hinweg bis zum Hüggel nach Ohrbeck.
Diese Seilbahn war allerdings nie für den Personentransport gedacht, sondern für etwas ganz anderes. Die Gegend südlich von Osnabrück ist im 19. und 20. Jhd. vielfach von Industrie und Bergbau geprägt gewesen. Das lag insbesondere an den hiesigen Bodenschätzen, die der hochinteressanten Geologie des Teutoburger Waldes zu verdanken sind. Hier gab es im Boden sowohl Kohle, was zur Gründung der Georgsmarienhütte führte, als auch Kalk. Und genau dieser Rohstoff war es, der letztlich zur Errichtung der hiesigen Seilbahn führte. In Lienen-Holperdorp existierte im Bereich des Westerbecker Berges nämlich ein Kalksteinbruch, von dem aus man ab 1938 den Kalk bis hin zur Eisenbahnanbindung in Ohrbeck transportierte. Von dort aus wurde er in Waggons verladen und zur Georgsmarienhütte verfrachtet bzw. zum dortigen Zementwerk, wo man einen Teil des Kalks zu Zement verarbeitete. Bei der Eisenverhüttung fungierte der Kalk ebenfalls als wichtiger Zuschlagstoff, da man mit ihm das Roheisen reinigte, eine Grundvoraussetzung für die Herstellung von Stahl. Die Schlacke, die bei diesem Prozess entstand, wurde darüber hinaus zusammen mit Zement zu sogenannten Hüttensteinen verarbeitet, eine Art sehr festem Backstein, der hier in der Gegend vielfache Verwendung fand. Bis 1966, also fast 30 Jahre lang, war die Seilbahn mit ihren bis zu 80 Gondeln in Betrieb. 1972 wurden die Stütztürme, die in den Tallagen teilweise bis zu 30 m hoch waren, demontiert. Der Turm hier vor Ort hatte immerhin eine stattliche Höhe von 11 m, d.h. er war deutlich höher als das Anschauungsmodell, was sich Ihnen hier heute präsentiert. Dennoch können Sie sich damit eine sehr lebhafte Vorstellung davon machen, wie einst ratternd und quietschend die Gondeln mit ihrer wertvollen Fracht schnurgrade quer durchs Land schwebten.